Archiv für den Monat: August 2013

Wüstenwanderung (Teil 1)

Nachdem ich in den letzten Berichten eher von einzelnen Erlebnissen als Anhalter in Israel geschrieben habe, möchte ich jetzt eine ganze Geschichte dazu schreiben.

Es war Freitagabend, kurz vor Schabbat Mitte Juni. Ich hatte meine Arbeit am Bauernhof für diese Woche abgeschlossen und war mit Golan, dem Bauern vom Gut bis zum Moschav Beer Milka gefahren.

Mein Ziel sollte die antike Stadt Schivta sein, die mehr oder weniger in der Nähe lag

Fraglich war jedoch, wie ich dahin kommen sollte.

Möglichkeit 1 war mit dem Fahrrad: Ich hätte 25km bis zur Abzweigung nach Schivta zurückzulegen, dafür wäre der Weg von dort aus kürzer als mit Möglichkeit 2:

Per Anhalter bis zur Kreuzung und von dort aus zu Fuß weiter. Zu Fuß könnte ich auch auf „ausgefalleneren“ Wegen marschieren. Nur müsste der erste Teil klappen.

Ich gab mich optimistisch und hob wie gewohnt meinen Daumen in die Höhe.

Zwei Autos später hielt eine Familie an: Papa, Mama, die wahrscheinlich einjährige Tochter und daneben ein Haufen Gepäck.

Wohin ich denn wolle? Bis zur Kreuzung nach Schivta.

„Ja, einsteigen, wir haben es eilig, wir müssen noch vor Schabbat in Beer Scheba sein“

Das Mädchen sah mich an, ich sah das Mädchen an.

Ich kann schlecht mit Kindern umgehen. Sehr schlecht.

Und war ihr nicht geheuer. Man sah ihrer Mine an, dass sie gleich zu weinen beginnen würde.

Nun ja… Keine Ahnung vom Umgang mit Kindern schließt eine gewisse Empathie nicht aus und nun war auch ich blöderweise den Tränen nahe…

Während wir uns noch gegenseitig darin toppten das Gegenüber für fremd zu halten, meinte der Vater, der ordentlich Blei gab, dass die Kleine Fremden gegenüber…

„Bwuäähääääähhääää…“

Ich lächelte noch unsicher vor mich hin, aber der Point of no Return war überschritten. Wenigstens war der Drang, sie irgendwie aufzuheitern größer als selbst gleich mitzuflennen. Empathie schön und gut, aber seltsam wär’s schon gewesen…

Also schlugen ihre Eltern vor, dass ich Sitzplatz mit der Mutter tauschen solle. Mein Rucksack störte zwar etwas beim fliegenden Wechsel, aber es ging zügig vor sich und wir rauschten Nordwärts. Dem Mädchen ging es mit ihrer Mutter sichtlich besser als mit einem Österreicher, der sehr weit vom Kinderkriegen entfernt war…

Ein paar Minuten später stieg ich aus, dankte und sah dem Auto nach, dass rasch in die Wüstenhauptstadt zischte.

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Langsam stapfte auf der schon etwas brüchigen Asphaltstraße dahin. Weiter – würde mich heute keiner fahren.

Es kühlte langsam ab und auf einem höhergelegenen Teil der Straße konnte ich nicht Schivta, sondern nur die Wüste erblicken, die langsam vom Schleier der Dunkelheit belegt wurde.

Die Junihitze wich nach und nach der lauen Sommernacht und ich kannte zwar das Ziel, nicht aber, wie ich den Weg dahin zurücklegen würde…

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-Fortsetzung folgt-

Road Movie 2 (7. Juni 2010)

Nachdem ich mich erst letztens „geoutet“ habe möchte ich heute einen Beitrag passend dazu abliefern.

Ich bin gerade mit dem Zug von Naharia (dort habe ich Präsidenten Eli Avivi besucht) nach Beer Scheba gefahren, jedoch war es zu Zeiten meiner Ankunft bereits Nacht und ich hatte den letzten Bus verpasst.
Es hatte auch sein können, dass ich „Nizzana“ wieder einmal falsch ausgesprochen hatte und der müde Busfahrer einfach „Lo“ (Nein) gesagt hatte und weitergefahren ist. Naja, die Busse fahren auch nur bis zur Kreuzung bei Tlalim, aber wer nach Nizzana will, muss dahin… Jedenfalls war es dunkel, ich war von meiner Reise etwas fertig und nachdem langsam aber sicher keine Busse mehr gekommen sind, begann ich mir Sorgen zu machen.

Es war Zeit für einen Autostopp. Hand hoch, Daumen raus, und hoffen, dass sich jemand findet.

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Irgendwann kam ein genervt wirkender, anderer israelischer Jugendlicher (der nicht halb so sympathisch war wie ich) und zeigte mit seinem Zeigefinger vor sich hin (wie schon erklärt, der „israelische Anhalterdaumen“). Ein paar Autos später war er weg. Ich angefressen.

Der nächste Israeli kam und diesmal wollte ich vom Kuchen mitnaschen. Ich fragte ihn, wohin er wolle. „Yerukham“. Es erschien mir schleierhaft, warum man freiwillig nach Yerukham wollte, und positionierte mich wieder. Bald schon kam ein Auto und nahm ihn mit. Frust.

Seit meiner Ankunft war einiges an Zeit verstrichen und der Bauer, bei dem ich gearbeitet hatte wollte eher ungern um 9 Uhr abends aufbrechen, um 80km weiter nördlich seinen Schützling abzuholen.

Ein Hotel für so etwas schien mir auch keine vernünftige Investition zu sein, weswegen ich eine andere Variante probieren mochte.

Ich selbst würde einen Tramper unter drei Aspekten mitnehmen:

  1. Er schnorrt sich sonst nicht durchs Leben
  2. Er hat Gründe
  3. Er ist eine sie

Punkt 3 jetzt zu versuchen würde spätestens dann kläglich scheitern, wenn jemand anhalten würde und meinen „Damenbart“ sehen täte. Also holte ich das Maximum aus 1) und 2) heraus. Und zeigte zudem der Welt meine Ignoranz gegenüber Tatsachen.

Ich marschiere diese 80 Kilometer. Wenn es sein muss in einer Nacht! Mit Marschgepäck.

Und so ging es los… Beer Scheba hatte ich hatte ich verlassen und stapfte in die israelische Wüste hinein. Immer, wenn ich ein Auto hörte hob ich meinen Daumen. Es wirkte tatsächlich. Ein Autofahrer hielt an und meinte, dass er zwar nicht nach Tlalim müsse, aber mich zumindest bei der Kreuzung zu einer Siedlung 30km entfernt herauslassen würde.

Da ich ohnehin in Gehstimmung war, bedankte ich mich und hatte dann nur noch 50 Kilometer Route.

Er hielt, ich bedankte mich nochmals, stieg aus und war auf dem Mond. Zumindest sah der nächtliche Negev so aus:

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Wieder behielt ich meine Strategie bei. Gehen und wenn ein Auto anfährt stoppen. Das nächste hielt noch eher. Ja wohin ich denn müsse fragte ein Vater, dessen halbe Familie im Auto saß. „Beer Milka, kennen Sie zufällig Golan Cohen?“ Der Mann lachte auf. Und ob er den kenne! Ich arbeite für ihn, oder? Na sicher kann ich mit.

Zufällig war das der größte Landwirt in diesem Teil des Negev (vielleicht sogar im gesamten). Auch für ihn war ein Freiwilliger tätig. Er nannte ihn „Felix“, seine Frau meinte, er hieße ganz anders, aber er berief sich darauf, ihn zumindest „Felix“ nennen zu dürfen. Neben dessen Containerwohung war noch eine andere frei. Bis nach Beer Milka würde er mich zwar nicht bringen, aber ich dürfe gerne dort schlafen.

Von so viel Gastfreundschaft war ich überwältigt. Ich denke, das Landgut war bei Kadesch Barnea, dem Ort an dem die Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten betreten hatten. Ich schlief gut in dieser Nacht. Ausgeruht hatte ich am nächsten morgen nur noch ein bisschen Fußmarsch zurückzulegen.

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Ein Ding der Unmöglichkeit ohne die Israelische Gastfreundschaft…

Road Movie (21. 6. 2010)

Zu Anfang gleich ein Geständnis: Ich gehöre (manchmal) zur Minderheit der Autostopper.

Ob ich ein Typischer bin, weiß ich aber nicht. Den Meisten anderen gegenüber habe ich Vorurteile.

Leute, die kein Geld ausgeben wollen und trotzdem komfortabel zu reisen pflegen.

Ist sicher teilweise wahr. Noch wahrer ist jedoch, dass viele Autostopper eine eigene Geschichte zu erzählen haben. In Rumänien habe ich es gemacht, da ich Leute kennenlernen wollte (und ihnen den ½ Buspreis gezahlt), als ich mir ein Auto gemietet habe, habe ich eine Mutter und ihren Sohn in die nächste Stadt mitgenommen (und natürlich nichts verlangt).

Diese Erlebnisse waren prägend für meine Zeit in Südisrael. Obwohl Israel ein „westlicher“ Staat ist gibt es vereinzelt noch Oasen der Autostopper. Aus Tradition. In der Pionierzeit, hatte nicht jeder ein Auto. Busse gab es noch nicht so viele wie heute. Ein Israeli meinte zu mir, dass damals sogar Minister per Autostopp in die Arbeit gekommen wären. Aber das sei schon lange vorbei… Meinte er leicht betrübt.

In der Tat schwingt beim Daumenhinaushalten wirklich etwas von dieser Zeit mit.

„Ich sehe, dass ich dir helfen kann, also tue ich es“. Nur, dass die Israelis weniger „höflich“ als Europäer stoppen – also nicht, indem sie den Daumen in die gewünschte Richtung halten, sondern den Zeigefinger auf den Boden vor sich richten – sieht eher nach „Hier halten!“ aus, als „bitte in diese Richtung“.

Meine Gründe waren auch hier verschieden. Manchmal hatte ich den Bus verpasst und es war schon spät (dazu etwas kommende Woche), manchmal ging einfach kein Bus dahin, es war Schabbat (und kein Bus fährt) oder ich wollte einfach Leute kennenlernen (und Egged nichts zahlen!).

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Mit der Zeit ändert sich auch die eigene Einstellung gegenüber Anhaltern. Es reicht, selbst in die Lage zu kommen, nicht weiterzukommen, um zu verstehen.

Das klingt jetzt vielleicht etwas einfach. Es benötigt auch ein gewisses Grundvertrauen gegenüber der Person, die man mitnimmt und vice versa.

Mir hat man damals einmal gesagt, im Süden wäre es einfach. Die Menschen sind gelassen und helfen gerne. Im Norden verhält es sich ähnlich.

In Zentralisrael gibt es den „arabischen Faktor“, der die Dinge etwas schwieriger gestaltet. Versetzen Sie sich bitte in die Lage eines israelischen Soldaten, der zum Dienst muss oder vom Dienst kommt und den letzten Bus verpasst hat. Die Sonne ist schon untergegangen, das kontrastreiche orange Licht der Natriumdampflampen strahlt und Sie kennen den Ort nur vom Fenster der Kaserne in der Sie Ihren Dienst verrichten. Und wollen heim. Einfach nur heim.

Vielleicht findet sich ein Samariter (womöglich sogar im wahrsten Sinne des Wortes 😉 ), der Sie mitnimmt. Plötzlich hält ein Auto. Im Auto sitzt ein Araber, der eine schnelle Handbewegung „Einsteigen“ macht.

 

Würden Sie einsteigen?

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Budapest Panorama

The skyline of Budapest

The skyline of Budapest

As you know already I love panorama pictures. In a couple of day’s I’m going to work on a whole Series about my beloved city… It’s amazing how the city is located at the Danube. I can hardly imagine there’s any other city in the world which provides this kind of panorama!

I want to start with this one and if you’re having some ideas, just let me know.

 

Ramadan (August, 2010)

Es waren damals mehr Sicherheitskräfte als sonst in Jerusalem. Am Anfang schreckt einen Europäer die ständige Präsenz von Menschen mit Sturmgewehren. Irgendwann nimmt man es allerdings anders, fast umgekehrt wahr. Spätestens dann, wenn sich ein Soldat neben einen in den Bus setzt, auf ein Foto will und dabei eine Grimasse schneidet.

Ich war schon in einigen Ländern unterwegs, in denen ich mich unwohler gefühlt habe, je mehr Sicherheitsbedienstete um mich waren. In Israel war es umgekehrt.

Die israelischen Bediensteten haben nie so distanziert gehandelt, wie man es aus schlechten US-Filmen kennt. „Freundlich“ ist auch das falsche Wort… „Sympathisch“ passt auch nicht. Ich würde „israelischer“ vorschlagen. Wer schon einmal in Israel war, weiß, was ich meine. Wer nicht, hat sowieso seine eigene Meinung.

Es war, wie heute Ramadan. Damals hatte ich gerade meine Stelle in Jerusalem angenommen und und kam mitten ins Geschehen. Von einem Tag auf den Anderen war das arabische Viertel der Altstadt tagsüber wesentlich ruhiger. Anders als sonst sah man kaum mehr Leute essen oder schnell herumlaufen. Und wenn, waren es meistens Touristen. In den Geschäften standen müde Menschen, die einen bös ansahen, wenn man die erstandene Süßspeise sofort herunterschlang. Als nichtmuslimischer Europäer merkt man das zwar, aber nicht sofort, warum eigentlich.

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Wenn man zeitgleich den Felsendom oder Al-Aqsa sehen möchte, wird man von Uniformierten darauf aufmerksam gemacht, dass nur Muslime Zutritt hätten. Die Szenerie wirkt auch etwas „eigen“, wenn die Marktpassage zum Zugang der beiden muslimischen Heiligtümer an den Endpunkten bewacht wird. Warum erfährt man nicht sofort.

Israelische Sicherheitskräfte während des Ramadans

Israelische Sicherheitskräfte während des Ramadans

Spätestens, wenn sich nach Sonnenuntergang die Straßen füllen und man plötzlich an allen Orten ein weißes, dickflüssiges „Getränk“ namens „Sahlab“ bekommt weiß man, das irgendetwas anders ist als sonst. Die Altstadt ist immer gut besucht, aber jetzt sind geht es noch etwas wilder zu. Lauter, überall hängen Leuchtgirlanden und auch der Muezzin vom Minarett nebenan brüllt entweder öfters oder lauter… Bin mir nicht ganz sicher.

Es ist Ramadan im Lande Israel. Muslime nehmen während der Tages weder Nahrung noch Flüssigkeit zu sich. Es überrascht nicht, dass in diesen Stunden kaum etwas passiert und nach dem Fastenbrechen sich die Straßen füllen.

 

Zum Abschluss noch ein Foto vom Autor dieses Beitrags beim Genuss von Sahlab:

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