Wüstenwanderung (Teil 1)

Nachdem ich in den letzten Berichten eher von einzelnen Erlebnissen als Anhalter in Israel geschrieben habe, möchte ich jetzt eine ganze Geschichte dazu schreiben.

Es war Freitagabend, kurz vor Schabbat Mitte Juni. Ich hatte meine Arbeit am Bauernhof für diese Woche abgeschlossen und war mit Golan, dem Bauern vom Gut bis zum Moschav Beer Milka gefahren.

Mein Ziel sollte die antike Stadt Schivta sein, die mehr oder weniger in der Nähe lag

Fraglich war jedoch, wie ich dahin kommen sollte.

Möglichkeit 1 war mit dem Fahrrad: Ich hätte 25km bis zur Abzweigung nach Schivta zurückzulegen, dafür wäre der Weg von dort aus kürzer als mit Möglichkeit 2:

Per Anhalter bis zur Kreuzung und von dort aus zu Fuß weiter. Zu Fuß könnte ich auch auf „ausgefalleneren“ Wegen marschieren. Nur müsste der erste Teil klappen.

Ich gab mich optimistisch und hob wie gewohnt meinen Daumen in die Höhe.

Zwei Autos später hielt eine Familie an: Papa, Mama, die wahrscheinlich einjährige Tochter und daneben ein Haufen Gepäck.

Wohin ich denn wolle? Bis zur Kreuzung nach Schivta.

„Ja, einsteigen, wir haben es eilig, wir müssen noch vor Schabbat in Beer Scheba sein“

Das Mädchen sah mich an, ich sah das Mädchen an.

Ich kann schlecht mit Kindern umgehen. Sehr schlecht.

Und war ihr nicht geheuer. Man sah ihrer Mine an, dass sie gleich zu weinen beginnen würde.

Nun ja… Keine Ahnung vom Umgang mit Kindern schließt eine gewisse Empathie nicht aus und nun war auch ich blöderweise den Tränen nahe…

Während wir uns noch gegenseitig darin toppten das Gegenüber für fremd zu halten, meinte der Vater, der ordentlich Blei gab, dass die Kleine Fremden gegenüber…

„Bwuäähääääähhääää…“

Ich lächelte noch unsicher vor mich hin, aber der Point of no Return war überschritten. Wenigstens war der Drang, sie irgendwie aufzuheitern größer als selbst gleich mitzuflennen. Empathie schön und gut, aber seltsam wär’s schon gewesen…

Also schlugen ihre Eltern vor, dass ich Sitzplatz mit der Mutter tauschen solle. Mein Rucksack störte zwar etwas beim fliegenden Wechsel, aber es ging zügig vor sich und wir rauschten Nordwärts. Dem Mädchen ging es mit ihrer Mutter sichtlich besser als mit einem Österreicher, der sehr weit vom Kinderkriegen entfernt war…

Ein paar Minuten später stieg ich aus, dankte und sah dem Auto nach, dass rasch in die Wüstenhauptstadt zischte.

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Langsam stapfte auf der schon etwas brüchigen Asphaltstraße dahin. Weiter – würde mich heute keiner fahren.

Es kühlte langsam ab und auf einem höhergelegenen Teil der Straße konnte ich nicht Schivta, sondern nur die Wüste erblicken, die langsam vom Schleier der Dunkelheit belegt wurde.

Die Junihitze wich nach und nach der lauen Sommernacht und ich kannte zwar das Ziel, nicht aber, wie ich den Weg dahin zurücklegen würde…

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-Fortsetzung folgt-

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