Archiv für den Monat: September 2013

Stimmungsmache (Israel statt Herbst)

Heute ist in Österreich Nationalratswahl. Normalerweise um wärmen um diese Zeit die letzten Sonnenstrahlen der Saison, bevor sich zwischen Oktober und November die kalten Klauen des Winters an uns Bergbewohnern festklammern.
Doch heute klebt eine dicke Nebeldecke an den Berghängen. Erstmals dieses Jahr traute ich mich nicht ohne Mantel aus dem Haus und wurde, als ich meiner Pflicht als Staatsbürger nachgekommen bin von einem kalten Nieselregen empfangen.

Ich schaue meine Fotos aus Israel an und erinnere mich, wie noch Ende September die Sonne auf der Haut gebrannt hat, wie ich damals noch im toten Meer baden gegangen bin und anstatt meiner üblichen Geschichten möchte ich diesen Artikel all jenen widmen, die wie ich dem Sommer nachtrauern.

Nachdem die inzwischen doch manchmal empfindliche kalten jerusalemer Bergnächte (Jerusalem liegt höher als so manche Stadt in Tirol!) vorbei sind heitz die heiße, israelische Sonne wie gewohnt recht bald die letzten Erinnerungen daran weg. In den Gärten von Süd-Jerusalem wachsen die Früchte der Granatäpfelbäume auf die Straße hinaus und die Unkenntnis der israelischen Gesetze lässt mich zwei dieser schmackhaften Früchte mitnehmen.

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Während der Mittagszeit, in denen die Sonne zwar nicht mehr senkrecht steht wie im Juni sucht man sich die Straßenseite trotzdem mit mehr Bedacht aus, um nicht zu viel von dem abzubekommen, was im kalten Zentraleuropa mittlerweile Mangelware geworden ist.

Die israelischen, sandsteinfarbenen Häuser sind diese Tage ideal für den Aufenthalt. Immer noch sehe ich die Architektur vor mir, alles ist viel geradeliniger als bei uns, die Dächer sind nicht spitz zulaufend, sondern flach und geben dem Ort dieses orientalische Ambiente, das mich immer wieder etwas träumerisch macht.

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Ich habe auch gelernt, wie man die Granatäpfel öffnet. Zwar nicht von einer Israelin, aber von einem persischen Mädchen, mit dem ich einmal zusammen war. Früher habe ich meist versucht, sie nach dem Halbieren auseinanderzunehmen und stand am Ende frustriert, mit rot gescheckerter Kleidung vor einem Mischmasch aus den Samen und den weißen Trennelementen.
Heute wähle ich je nach Bedarf zwischen zwei Optionen: Entweder, man halbiert sie und klopft mit einem Löffel auf die konvexe Seite der Hälfte, sodass die Frucht ordentlich vibriert. Dabei schießen die Kerne von der geschnittenen Seite heraus, ohne zu viel vom unappetitlichen weißen Zeug mitzunehmen.
Die andere Methode ist, den Granatapfel zu vierteln und aus diesen Stückchen das Essbare herauszupicken. Obwohl ersteres schneller zu gehen scheint, bin ich der Meinung, dass man dafür mehr Geduld braucht.

An den Wänden und Stromkästen findet man von Sonne und Wind ausgebleichte Plakate auf Ivrit. Manchmal über Veranstaltungen, manchmal über einen potentiellen Messias. Je nach Richtung mit mehr oder weniger Text dabei.

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Die Hitze wird immer ermüdender. Meistens zu sehr, um sich mit nichtdeutschen Texten zu beschäftigen. Und während Helios langsam über den Himmel zieht, fragt man sich, wie man es im kalten Europa um diese Jahreszeit überhaupt aushält….

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Polish Love Story

My days in Angerburg/Węgorzewo were over. On my last full one I wanted to see the Wolfsschanze which was just a couple kilometers away.

After I finished the tour I decided to get a bit nostalgic and chose a different way home. Instead of driving directly I wanted to translate the lakes by the bridge between the upstream lakes of Mauer lake and Dargin lake (J. Mamry and J. Dargin). Some days before I had something like a little adventure there…

I stopped my car after the bridge and walked a hundred meters by feet. I saw another driver stopping directly on the bridge, blocking one lane and I got a bit pitted of that. Well. Everyone may take photos, but at least people should try not to use other people’s space for their own comfort.

He opened the cowl of his car and didn’t seem to know what to look for.  I asked in Polish:

„Czy wszystko Oczywiście?“ He didn’t understand it correct and I tried to say it again. No chance. As a non-Pole, try to say: (As it may sound in English letters): „Tchy wshystko otchywishtchye“. I failed and asked in plain English if I could help. Yeah, he was fine.

First I wanted to get Dargin Lake and placed my camera to do a nice shot.

Lake Dargin

Lake Dargin

As I wanted to cross the street to the North, to Mauer Lake he asked me if I might take a photo of them. A bit grudging I agreed and his girlfriend left the car as well.

It was raining, I stood in front of them and waited until both smiled into the camera like always.

Nope. Not this time.

He opened his jacket… And put out a small, black box.

Proposal

Proposal

Emergawd.

This guy just proposed to her. I was completely perplex and kept on shooting pictures.

How girls react after a proposal

How girls react after a proposal

It appeared to me, she said „yes“.

After a proposal...

After a proposal…

How to ring someone...

How to ring someone…

It was just weird. I had no idea what was going on and just took photos. We exchanged addresses and I wanted to wish them something, but I couldn’t think of any Polish in that moment…

I just said „Massel Tov!“, grining like a Cheshire cat… Feeling, like I was proposed… Waving goodbye as they disappeared in the rainy, Polish night of Ermland…

 

 

Wüstenwanderung 5

Somit stand ich also auf einsamer Straße, die Sonne neigte sich dem Horizont zu und vor mir lagen noch 10 Kilometer bis zur Hauptstraße und dann noch 26 Kilometer bis nachhause. (Wobei ich die letzten 9km per Fahrrad zurücklegen konnte.).

Ich schleppte mich voran, so gut es ging und fragte mich, wie das Ganze wohl enden würde. Das Wasser ging langsam zur Neige, Hunger hatte ich auch und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Auto kam, war gleich null.

Hier mache ich einmal einen Punkt. Was jetzt folgt ist eine sehr persönliche Geschichte und ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich das veröffentlichen sollte oder nicht. Nun ja, da diese Erlebnisse, die ich hier publiziere auch einen Memoirencharakter haben kommt hier auch dieses Erlebnis zum Tragen:

Irgendwann konnte ich nicht mehr. Heute hatte ich während der Mittagshitze etwa 20 Kilometer zurückgelegt und außer einem Frühstück nichts zu mir genommen. Übermüdet war ich auch und jetzt setzte ich mich einfach in den warmen Sand neben der Straße und aß Gurken mit Brot. Schivta war das Ende der Straße, somit würde hier kein Auto in meine Richtung kommen. Ich müsste noch einen Tag hier sitzen bleiben, bis irgendjemand gen‘ Hauptstraße vorbeifahren würde.

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Was ich brauchte, war ein Wunder. Ich sah auf meinen Rucksack, nahm ich mein kleines Psalemenbüchlein heraus und begann zu beten. Im Hintergrund hörte ich plötzlich Geräusche. Das war keine Einbildung. So schnell ich konnte sagte ich die Verse zuende und sah hoch. Sehen konnte ich nichts. Aber das war ein Auto. Nicht weit von hier!
Ich war in einer leichten Senke und konnte nicht erkennen, was von Hinten auf mich zukam, doch als das Auto den Hügel überschritten hatte war es eindeutig. Sogleich hob ich meinen Daumen in die Höhe und winkte.
Im Auto saß ein alter Beduine und hob grantig den Zeigefinger, als er mit beschleunigend neben mir vorbeifuhr.
Wieder war ich alleine.
Die Situation war doch leicht kafkaesk will ich meinen…

Wieder setzte ich mich neben mein Marschgepäck und jausnete fertig. Inzwischen fing es an zu dämmern und ich sah, dass es keine andere Möglichkeit gab, als weiterzugehen. Als ich den Rucksack oben hatte und losschreiten wollte traute ich meinen Ohren nicht. Wieder ein Auto!
Wieder drehte ich mich, hob den Daumen in die Höhe und sah einen Israeli an mir vorbeifahren.

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Kurz, bevor ich mein letztes Nachtlager erreicht hatte hörte ich erneut Geräusche. Instinktiv hob ich den Daumen hoch und drehte mich um. Eine Jeep-Kolonne war hinter mir aufgetaucht.
Und hielt.
Der Fahrer fragte, wo ich denn hinwolle. „Beer Milka, oder die Kmehin-Kreuzung“. Bis zur Kreuzung würde man mich gerne mitnehmen. Nur war in dem Jeep kein Platz.
„Aber im Jeep hinter uns ist noch etwas frei“ – er rief etwas auf Hebräisch zurück und deutete an, dass ich zu denen gehen sollte.
Ein Platz war noch frei! In den 21 Kilometern vor mir durfte ich sitzen.

Die Beifahrerin fragte, was ich denn hier in Israel treibe? „Ich arbeite in Beer Milka für Golan“. Sie lachte kurz auf. Vor ein paar Wochen kam das Mädchen in die Umstände irgendwo auf der Straße gestrandet zu sein und autostoppen musste. Es war Golan, der sie dann nachhause brachte…

Es folgten 7 Kilometer bis zur Siedelung Beer Milka. Es war anstrengend, aber die sollte ich zurücklegen können, bis ich bei meinem Fahrrad war. Wieder hörte ich Geräusche und sah, dass ein Militärfahrzeug auf mich zu kam.
Normalerweise dürfen die keine Anhalter mitnehmen. Versucht habe ich es trotzdem und hatte Glück. Bis Beer Milka waren es nicht meine Füße, die mich trugen.
Das Radfahren war vergleichsweise ein Genuss.
Warum das mit dem Gebet so seltsam geendet hat werden sich einige wahrscheinlich fragen. Ich weiß es selbst nicht. Das hier ist ja keine Lerngeschichte, sondern schlicht, was mir damals widerfahren ist…

Wüstenwanderung 4

Trotz widrigster Umstände kam ich also doch noch zu einem Frühstück. Während desselben unterhielt ich mich mit der Hausherrin. Hin und wieder kam auch eine der Katzen vorbei und ließ sich auf meinem Schoß nieder. (Wenn sie nicht, wie auf dem letzten Foto aus meinem Glas getrunken hat). Wir führten ein interessantes Gespräch. Viele Gäste waren es nicht, die an jenem Tag hierher kamen. Aber ich vermute, dass die meisten aus einem ähnlichen Grund gekommen sind, wie ich – wenn ich das nächste Mal die Gelegenheit dazu habe, hier vorbeizuschauen.

Nochmals bedankte ich mich herzlich für die Bedienung und verschwand aus dem kühlen Schatten in das gleißende Licht der israelischen Mittagshitze.

Hier, wo die Straße aufhörte, und die Wüste begann, lag Schivta.

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Was ich genau erwartet habe, wusste ich nicht, was vor mir lag war eine gewaltige Ansammlung aus gehauenen Felsblöcken, die teilweise noch Gebäude abbildeten. Wohl hatte ich gedacht oder gehofft, eine Karte zu bekommen, oder eine Führung zu machen, nur war ich der Einzige hier. Es gab keinen Infostand oder dergleichen. Nur die Reste einer Ära. Säuberlich ausgegraben, aber nicht mehr.

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Die Größe des Areals hatte mich dann überrascht. Auch, wenn der Weg nur an den am besten erhaltenen Bauten vorbeiging, so war, was hier lag – oder vielmehr – was hier womöglich einmal gelegen war von deutlich größerer Imposanz.

Nur, von Archäologie verstand ich nichts und ich hoffe, dass ich, wenn sich das nächste Mal eine Chance ergibt, Schivta zu sehen eine Lektüre darüber zur Hand habe.

Langsam aber sicher zerstreuten sich die Bruchsteine in eine offene Wüstenlandschaft und während von oben Helios herunterbrannte fegte mir von vorne ein trockener Wind entgegen. Karte hatte ich, wenn ich mich richtig erinnere keine dabei, aber wie alle Männer, die etwas auf sich halten konnte ich mir die Geographie wohl auch ohne merken und setzte mutigen Schrittes meine Wanderung fort.

Ich erreichte einen Canyon, dessen Bachlauf man noch deutlich sehen konnte, der um diese Jahreszeit staubtrocken lag. Auf den Weg konnte ich jederzeit zurück, es hatte für mich wesentlich mehr Reiz, mir alles von oben anzuschauen und wandte mich an die nördlichere der beiden Flanken. Ich gewann an Höhe und konnte die Wüste mehr und mehr überschauen.

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An einem der höheren Punkte begann ich mich umzusehen. Wüste. Viel, viel Wüste.

In der Ferne rollten einige „Al-Hul“s dahin. „Al-Hul“ nennen die Beduinen die Sandteufel, die in der Wüste unzähligerweise dahinrollen. Mich wundert es, dass ich nie von einem überrannt wurde. Gefährlich sind sie nicht. Über sie erzählen die Beduinen, dass es sich um die Seelen verstorbener handelt, die nach Ruhe suchend durch die endlose Wüste ziehen…

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Inzwischen konnte ich den Canyon gut überblicken und beschloss nach unten zu klettern. Auf den Fotos sieht das Geröll so einfach zu besteigen aus wie damals, als ich es versucht hatte. Nur waren diese „natürlichen Stufen“ verhältnismäßig hoch und bröcklig, sodass von Steigkomfort keine Rede war und mich zäh herunterquälte. An der Canyonwand lagen auch noch ein paar kleine Höhlen…

Mühsamst hatte ich endlich hatte ich die Talsohle erreicht und schritt sie entlang. Eher auf gut Glück als mit Ziel, wie ich mir eingestehen muss.

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Nach ein paar Kilometern und einem offenen Sandal regen sich mir die Zweifel, ob das so intelligent sei. Wasser mochte ich zwar genug haben, nur eine zweite Übernachtung sollte sich nicht spielen. Ebenso war mein Nahrungsmittelvorrat nach wie vor auf Gurken und Brot beschränkt. Außerdem war Schivta ja gar nicht mein Reiseziel. Ich musste zurück nach Beer Milka!

Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Im Nachhinein sehe ich, dass ich, dass ich nach 18km die Hauptstraße und Aschalim erreicht hätte. Vielleicht. Mit ein bisschen Pech hätte es genauso eine weitere Nacht auf freier Flur sein können. Vielleicht diesmal ohne Dach über dem Kopf. Eine falsche Abzweigung hätte genügt. Ebenso hätte ich, wenn meine Orientierungskenntnisse total versagt wären in Sde Boker enden können. Viel Erfolg von dort zurück nach Beer Milka. Ohne Geld. Am Samstag Abend.

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Es war Zeit, auszuscheren und wieder folgte ich einem Bachverlauf. Diesmal sollte ich die andere Flanke dieses Tals hier erreichen, die jedoch ob dem Wasser, das hier einst geflossen ist tiefer lag, als bei meinem letzten Abstieg.

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Vor mir konnte ich langsam einen Weg erblicken und schritt darauf zu. Bis… Vor mir eine Artilleriegranate lag. Diesmal im Gegensatz zu den bisherigen gänzlich unversehrt. Womöglich ein Blindgänger.

Mein Gefühl kann sich wohl jeder denken…

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Kamera heraus, Foto… und… einen ganz großen Bogen herum.

Gehofft hatte ich, dass mich ab der Gaststätte vor Schivta vielleicht jemand mitnehmen konnte. Jetzt war alles leer und verriegelt. Es war kurz nach 5, die Sonne ging langsam unter und ich war der Letzte, der hier die Stellung gehalten hatte.

Was war zu erwarten? Die Straße endete (oder fing) an meinem Standort an. Was blieb, war ein weiterer Marsch von 10km… Dann wäre ich zumindest an der Hauptstraße…

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Wie ich heim gekommen bin…? Das erzähle ich nächste Woche

Wüstenwanderung (Teil 3)

Als Alpenländer kann ich das Gebirge einschätzen. Ich weiß, wie man sich zu verhalten hat, wenn „ein Wetter kommt“, wie wir zu sagen pflegen. Zwar können weite, baumlose Gebirgsplateaus an die Wüste erinnern, doch hat die Wüste einen anderen, eigenen Charakter.

Spaßhalber meinen in meiner Heimat manchmal die Leute: „’s Lebn isch hoat in die Berg“ (das Leben ist hart in den Bergen), ist es auch passend zu erwähnen, dass die Wüste ebenso kein Erbarmen kennt.

Es war kaum 9 Uhr morgens und es hatte bereits Temperaturen jenseits der 30 Grad erreicht.

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Wir hatten Schabbat und somit sollte es eher unwahrscheinlich sein, dass mich jemand mitnehmen würde. So schritt ich entlang der Steppe, an der ich auch eine von einem Beduinen geführte Schafsherde passierte. Es folgten ein paar Haine, die zwar Schatten, aber keine Kühle und kein Wasser spendeten und ich musste hin und wieder darin pausieren.

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Wie gut, dass ich in Israel war. Typisch für diese Israelis, einfach einmal mitten in der Wüste einen Wald zu pflanzen.

Der Schabbat war mein bevorzugter Wandertag, da es mir hier gestattet war in Übungsgebiete der Armee einzudringen. An den Wochentagen sind keine Besuche geduldet. An den Samstagen genoss ich Bewegungsfreiheit.

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Teilweise lagen hier noch Trümmer von Kriegsgeräten. Das meiste davon hielt ich für Überbleibsel von Truppenübungen, ein Freund mit mehr Erfahrung meinte jedoch ob der Korrosion, dass es viel eher aus dem Yom-Kippur-Krieg oder früher stammen würde. Wir waren hier nicht sehr tief in israelischem Territorium. Womöglich sind hier einmal ägyptische und israelische Einheiten während des Sechstagekrieges zusammengestoßen.

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Bis jetzt waren der ganze Schutt wie erhofft vor langer Zeit explodiert und somit vor mir nur noch Hülsen. Dennoch sah ich lieber viermal als dreimal hin, bevor ich näher kam.

Oftmals dachte ich an die Worte des Soldaten vom Vortag. „5 Minuten“! Inzwischen war ich zwei Stunden auf dem Weg und immer noch nichts in Sicht.

Schweißperlen liefen mir über die Stirn. Gegessen hatte ich kaum. Den sauren Humus gab ich der Wüste zum Verzehr. Was blieb waren ein wenig Brot, ein paar frische Gewürzgurken und vielleicht noch etwas Bratwurst, die nicht den Ameisen zum Opfer gefallen war.

Irgendwann erblickte ich dann aber in erreichbarer Distanz das Ende der Straße. Und daneben ein Haus. Schivta.

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Das Haus sollte ein Restaurant sein. Ob es am Schabbat geöffnet hatte, daran habe ich bei der Planung gar nicht gedacht. Ein Auto stand davor, aber ich zweifelte. Der Eingang war auf der andren Seite. Beim Umschreiten des Hauses horchte ich, ob vielleicht jemand da sei, aber außer ein paar Insekten, denen die Mittagshitze nichts auszumachen schien, war nichts zu hören.

Schließlich der Eingang. Geöffnet.

Nun stand ich im kühlen Schatten des Natursteinhauses. Eine sehr freundliche Dame begrüßte mich. Ob ich mich hier kurz ausrasten dürfte (Wichtig(!): Für alle nichtösterreichischen Lesern: Im österreichischen Deutsch bedeutet „ausrasten“ soviel wie „sich entspannen“ oder eher „rasten, bis man wieder kann“)? Ja, sicher.

Ich wollte etwas essen, suchte meine Geldtasche, um zu sehen, wie viel Schekel ich dabei hatte.

Nun ja. Die Geldtasche war wohl daheim geblieben.

Hungrig und bedrückt fragte ich die Hausherrin, ob ich zumindest ein Glas Wasser haben dürfe. Mein Barvermögen war leider dieses Tags nicht bei mir.

Sie wies auf einen Tisch in der Ecke: Vorher wollte hier jemand frühstücken und hatte wohl nur Platz für die Hälfte. Wenn es mir nichts ausmache, dürfte ich auch…

Meine Dankbarkeit war nicht in Worte zu fassen.

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– Fortsetzung Folgt –

Rosch Tov!

Normalerweise publiziere ich meine Geschichten ja immer Sonntags, aber zum „Kopf des Jahres“ wird es mir wohl nicht schaden, einen Sonderartikel zu verfassen.

Gleich zu Beginn: Die Überschrift ist irreführend. In Israel sagt niemand (außer vielleicht jemand, der wie ich vor gar nicht einmal so langer Zeit angekommen ist) „Rosch Tov“. Als ich meine Kollegen damals so begrüßt habe, versicherte man mir, dass sowas nur komische Menschen sagen würden, die niemals die 60er-Jahre verlassen hätten.

Man sagt „Schana Tova“, das hatte ich gelernt…. Aber zum Feiertag selbst: Es wird zweieinhalb „weltliche“ Tage gefeiert: Erev Rosch Ha‘Schana und dann zwei Tage lang Neujahr selbst.

Die Geschäfte haben an diesen drei Tagen geschlossen (An Erev Rosch Ha‘Schana sind sie zwar halbtags geöffnet, aber die meisten Israelis haben vergessen ihre Einkäufe vorher zu tätigen, was zu übervollen, unbetretbaren Läden führt…). Langeweile kommt aber trotzdem nicht auf:

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Die Tage um Rosch Ha‘Schana sind Festtage und jede Familie freut sich, auch noch ein paar Gäste aufnehmen zu dürfen – in diesem Falle: Mich.

Das mit dem Freuen ist nicht nur so „dahergesagt“ – als ich mich jeweils zu Beginn und am Ende bedanken wollte, wurde ich unterbrochen und man hat sich bei mir bedankt, dass ich die Einladung angenommen habe. Eine Freundin hatte mir damals die Familie vermittelt, bei denen ich mitfeiern durfte.

Ein anderer Bestandteil dieses Festes ist der Schofar. Nach dem Sprechen eines kurzen Gebetes bläst man 1x lang (Kiar), in der gleichen Zeit 3x kurz (Schwarim) und danach 9x ganz kurz (Tru‘ar) – ebenfalls in der Zeitdauer des ersten Blasens. Das letzte Mal ist das Komplizierteste. 9x rasch hintereinander ist für Ungeübte unmöglich – wer es versuchen will, aber keine Zeit hat, schnell nach Israel zu fahren, um sich ein Schofar zu kaufen kann alternativ dazu auch nach Australien fliegen, um sich ein Didgeridoo zu besorgen – die Blastechnik ist ähnlich.

Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich frische Datteln essen – die friert man Tags zuvor ein, damit sie wie Datteleis schmecken – es funktioniert auch mit getrockneten Datteln – sehr interessant.

Im Anschluss daran einen Granatapfel (ebenfalls sehr populär in Israel), der angeblich 613 Kerne hat – für die 613 Ge- und Verbote im Judentum. Es soll den Willen zeigen, im Neuen Jahr auch viel Gutes zu vollbringen.

Und schließlich – einer der bekanntesten Bräuche: Apfel mit Honig – für ein süßes Jahr.

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Das vorletzte Gericht ist Lauch und einen besonderen Reiz hat das Letzte:

Etwas, das man bis jetzt noch nie gegessen hat – immerhin sollte man im neuen Jahr auch einmal neue Wege gehen.

Bei uns gab es eine purpurne Drachenfrucht.

Der größte Unterschied zum Sylvesterfest besteht darin, dass man nicht die Nacht durchmacht, sich betrinkt und zwischendurch ein paar Feuerwerke in die Atmosphäre donnert, sondern, dass man mit der Familie (und dem Gast, der des Hebräischen nicht mächtig ist) in die Synagoge geht.

Das klingt jetzt leichter als es für mich war. Wie gesagt, mein Ivrit war damals eher zum vergessen und es stellte eine Herausforderung dar, mich auf das Gebet zu konzentrieren.

Irgendwann trat der Familienvater vor mich und sagte: „Schana Tova, Mario“ und hielt mir die Hand entgegen. Ich, von all dem Überwältigt: „Ist schon Neujahr‽“

„Ja!“

„Schana Tova!“ und wir reichten einander die Hände.

Ich weiß nicht, ob es deswegen war, weil ich in der Synagoge von dem ganzen Schwall an Gebeten einfach „überrannt“ wurde oder weil mich die Familie so willkommen hieß… Jedenfalls hatte Rosch Ha’Schana etwas magisches an sich. Wir beide schritten langsam in der jerusalemer Nacht heimwärts…

Wüstenwanderung (Teil 2)

Die Straße war ich etwas entlangmarschiert und kam inzwischen auf eine Anhöhe, von wo aus ich zumindest die nächsten paar Kilometer überblicken konnte. Links lag eine Kaserne, rechts fanden sich ein paar Hügel und in der Weite rollte mir die Dunkelheit mehr und mehr entgegen.

Langsam wurde mir etwas mulmig zumute.

In diesem Teil der Wüste spielen die Nabatäer nach wie vor eine gewisse Rolle. Nicht, weil es ein weiteres Volk in der Region ist, das Land will, sondern ironischerweise, weil kaum etwas über sie bekannt ist.

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Heute sind sie von der Bildfläche verschwunden, aber vor über 2000 Jahren sollen sie in der Lage gewesen sein, ein verhältnismäßig großes Gebiet im Nahen Osten über Jahrhunderte zu kontrollieren und sich ein faszinierendes landwirtschaftliches Wissen angeeignet haben. Heute sind aus ihrer Zeit nur noch Ruinen übrig.

Die bekanntesten sind Petra (Jordanien), Avdad, Mamschit und Schivta, wo ich hin will.

Bei näherer Begutachtung zeigte sich jedoch, dass der Hügel rechts von mir nicht einfach nur ein „dummer Hügel“ war, sondern, dass dort vor langer Zeit einmal jemand gewohnt hat und noch Überreste davon vorhanden waren.

Damit hatte ich mein Nachtquartier. Vor der Kaserne fand ich noch ein wenig altes (und sehr trockenes!) Holz vor und suchte mir ein paar schöne Scheite heraus. Plötzlich kam ein Radpanzer die Straße entlang und die Soldaten sahen mich. Es muss etwas komisch gewirkt haben, im Halbdunklen einen Ausländer mit Rucksack herumspringen zu sehen, der vor der Kaserne mit einem Haufen Holz herumläuft.

DSC0058_miniIch beschloss eine Offensive und begrüßte die Soldaten gleich. „Hier ist doch irgendwo ein Gasthaus?“ fragte ich. Den Soldaten war ich wesentlich egaler als befürchtet und der eine, der mit mir sprach stimmte etwas gelangeweilt zu. „Wie weit ist es von hier?“ „5 Minuten“ und ich sah in die Weite.

Nichts. Gar nichts.

Ob ich hier Feuer machen dürfe?

„Nein“

„Danke, Schalom“

Und weg waren sie. Ich grübelte. 5 Autominuten vielleicht… Wenn man schnell fährt.

Alles, was ich an Holz finden konnte lud ich auf mich und bestieg den Erdhaufen vor mir. Etwas anstrengend war das schon mit der Nutzlast, aber einem bergverwöhnten Österreicher tut das nichts. Zumindest hatte ich recht behalten. Hier war einmal eine kleine Siedlung und es existieren in den Mugel hineingebaute Häuser.

Nach kurzer Zeit hatte ich auch eine potentielle Feuerstelle gefunden. Die Antwort des Soldaten war mir so egal, wie ich ihm. Was hätte er anderes sagen sollen? „Ja, am besten überall, damit es hell genug ist, um Beachvolleyball zu spielen?“.

Als Zunder verwendete ich altes Gras, aber nicht alle Gräser hier oben waren gleich trocken und gleich stark entflammbar. Erst nach einigen Versuchen hatte ich Erfolg und langsam wurde mein Feuerchen größer. Groß genug, um meinen Proviant, ein paar koschere Frankfurter zu grillen.

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Ich sah in die Nacht hinein. Irgendwo in der Ferne waren wieder einmal Natriumdampflampen. In einer anderen Richtung lag eine Siedlung. Womöglich Kadesch Barnea.

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Als es spät wurde, löschte ich das Feuer und breitete meine Iso-Matte in dem Haus auf. Es war sicher schon etwas länger her, als das letzte Mal jemand hier übernachtet hatte. Besonders gut schlief ich nicht, aber trotz allem verhältnismäßig lange. Des Morgens stieg die Hitze wieder langsam hoch.

Ein wenig mochte ich schon noch hier verweilen und erschloss dieses Gebiet. Nach kurzer Expedition stellte ich fest, dass hier womöglich öfters Leute herkommen, aber noch nicht alles ausgegraben war. Einige Tunnelsysteme waren noch verschüttet.

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Ich wollte Frühstücken, aber die Natur war schneller gewesen. Die Frankfurter, die ich mir aufbewahrt hatte waren großteils von Ameisen verspeist. Der Humus tröstete mich auch nicht darüber hinweg. Im Gegensatz zu den fast unbegrenzt haltbaren Kichererbsen war seine Genießbarkeit eher volatiler Natur.

Das Zeug war sauer.

Und ich…? Marschierte durch die immer heißer werdende Morgensonne ‚gen Schivta.

-Fortsetzung folgt-