Rosch Tov!

Normalerweise publiziere ich meine Geschichten ja immer Sonntags, aber zum „Kopf des Jahres“ wird es mir wohl nicht schaden, einen Sonderartikel zu verfassen.

Gleich zu Beginn: Die Überschrift ist irreführend. In Israel sagt niemand (außer vielleicht jemand, der wie ich vor gar nicht einmal so langer Zeit angekommen ist) „Rosch Tov“. Als ich meine Kollegen damals so begrüßt habe, versicherte man mir, dass sowas nur komische Menschen sagen würden, die niemals die 60er-Jahre verlassen hätten.

Man sagt „Schana Tova“, das hatte ich gelernt…. Aber zum Feiertag selbst: Es wird zweieinhalb „weltliche“ Tage gefeiert: Erev Rosch Ha‘Schana und dann zwei Tage lang Neujahr selbst.

Die Geschäfte haben an diesen drei Tagen geschlossen (An Erev Rosch Ha‘Schana sind sie zwar halbtags geöffnet, aber die meisten Israelis haben vergessen ihre Einkäufe vorher zu tätigen, was zu übervollen, unbetretbaren Läden führt…). Langeweile kommt aber trotzdem nicht auf:

DSC0031_mini

Die Tage um Rosch Ha‘Schana sind Festtage und jede Familie freut sich, auch noch ein paar Gäste aufnehmen zu dürfen – in diesem Falle: Mich.

Das mit dem Freuen ist nicht nur so „dahergesagt“ – als ich mich jeweils zu Beginn und am Ende bedanken wollte, wurde ich unterbrochen und man hat sich bei mir bedankt, dass ich die Einladung angenommen habe. Eine Freundin hatte mir damals die Familie vermittelt, bei denen ich mitfeiern durfte.

Ein anderer Bestandteil dieses Festes ist der Schofar. Nach dem Sprechen eines kurzen Gebetes bläst man 1x lang (Kiar), in der gleichen Zeit 3x kurz (Schwarim) und danach 9x ganz kurz (Tru‘ar) – ebenfalls in der Zeitdauer des ersten Blasens. Das letzte Mal ist das Komplizierteste. 9x rasch hintereinander ist für Ungeübte unmöglich – wer es versuchen will, aber keine Zeit hat, schnell nach Israel zu fahren, um sich ein Schofar zu kaufen kann alternativ dazu auch nach Australien fliegen, um sich ein Didgeridoo zu besorgen – die Blastechnik ist ähnlich.

Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich frische Datteln essen – die friert man Tags zuvor ein, damit sie wie Datteleis schmecken – es funktioniert auch mit getrockneten Datteln – sehr interessant.

Im Anschluss daran einen Granatapfel (ebenfalls sehr populär in Israel), der angeblich 613 Kerne hat – für die 613 Ge- und Verbote im Judentum. Es soll den Willen zeigen, im Neuen Jahr auch viel Gutes zu vollbringen.

Und schließlich – einer der bekanntesten Bräuche: Apfel mit Honig – für ein süßes Jahr.

roschrosch_mini

Das vorletzte Gericht ist Lauch und einen besonderen Reiz hat das Letzte:

Etwas, das man bis jetzt noch nie gegessen hat – immerhin sollte man im neuen Jahr auch einmal neue Wege gehen.

Bei uns gab es eine purpurne Drachenfrucht.

Der größte Unterschied zum Sylvesterfest besteht darin, dass man nicht die Nacht durchmacht, sich betrinkt und zwischendurch ein paar Feuerwerke in die Atmosphäre donnert, sondern, dass man mit der Familie (und dem Gast, der des Hebräischen nicht mächtig ist) in die Synagoge geht.

Das klingt jetzt leichter als es für mich war. Wie gesagt, mein Ivrit war damals eher zum vergessen und es stellte eine Herausforderung dar, mich auf das Gebet zu konzentrieren.

Irgendwann trat der Familienvater vor mich und sagte: „Schana Tova, Mario“ und hielt mir die Hand entgegen. Ich, von all dem Überwältigt: „Ist schon Neujahr‽“

„Ja!“

„Schana Tova!“ und wir reichten einander die Hände.

Ich weiß nicht, ob es deswegen war, weil ich in der Synagoge von dem ganzen Schwall an Gebeten einfach „überrannt“ wurde oder weil mich die Familie so willkommen hieß… Jedenfalls hatte Rosch Ha’Schana etwas magisches an sich. Wir beide schritten langsam in der jerusalemer Nacht heimwärts…

Kommentar verfassen