Wüstenwanderung 5

Somit stand ich also auf einsamer Straße, die Sonne neigte sich dem Horizont zu und vor mir lagen noch 10 Kilometer bis zur Hauptstraße und dann noch 26 Kilometer bis nachhause. (Wobei ich die letzten 9km per Fahrrad zurücklegen konnte.).

Ich schleppte mich voran, so gut es ging und fragte mich, wie das Ganze wohl enden würde. Das Wasser ging langsam zur Neige, Hunger hatte ich auch und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Auto kam, war gleich null.

Hier mache ich einmal einen Punkt. Was jetzt folgt ist eine sehr persönliche Geschichte und ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich das veröffentlichen sollte oder nicht. Nun ja, da diese Erlebnisse, die ich hier publiziere auch einen Memoirencharakter haben kommt hier auch dieses Erlebnis zum Tragen:

Irgendwann konnte ich nicht mehr. Heute hatte ich während der Mittagshitze etwa 20 Kilometer zurückgelegt und außer einem Frühstück nichts zu mir genommen. Übermüdet war ich auch und jetzt setzte ich mich einfach in den warmen Sand neben der Straße und aß Gurken mit Brot. Schivta war das Ende der Straße, somit würde hier kein Auto in meine Richtung kommen. Ich müsste noch einen Tag hier sitzen bleiben, bis irgendjemand gen‘ Hauptstraße vorbeifahren würde.

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Was ich brauchte, war ein Wunder. Ich sah auf meinen Rucksack, nahm ich mein kleines Psalemenbüchlein heraus und begann zu beten. Im Hintergrund hörte ich plötzlich Geräusche. Das war keine Einbildung. So schnell ich konnte sagte ich die Verse zuende und sah hoch. Sehen konnte ich nichts. Aber das war ein Auto. Nicht weit von hier!
Ich war in einer leichten Senke und konnte nicht erkennen, was von Hinten auf mich zukam, doch als das Auto den Hügel überschritten hatte war es eindeutig. Sogleich hob ich meinen Daumen in die Höhe und winkte.
Im Auto saß ein alter Beduine und hob grantig den Zeigefinger, als er mit beschleunigend neben mir vorbeifuhr.
Wieder war ich alleine.
Die Situation war doch leicht kafkaesk will ich meinen…

Wieder setzte ich mich neben mein Marschgepäck und jausnete fertig. Inzwischen fing es an zu dämmern und ich sah, dass es keine andere Möglichkeit gab, als weiterzugehen. Als ich den Rucksack oben hatte und losschreiten wollte traute ich meinen Ohren nicht. Wieder ein Auto!
Wieder drehte ich mich, hob den Daumen in die Höhe und sah einen Israeli an mir vorbeifahren.

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Kurz, bevor ich mein letztes Nachtlager erreicht hatte hörte ich erneut Geräusche. Instinktiv hob ich den Daumen hoch und drehte mich um. Eine Jeep-Kolonne war hinter mir aufgetaucht.
Und hielt.
Der Fahrer fragte, wo ich denn hinwolle. „Beer Milka, oder die Kmehin-Kreuzung“. Bis zur Kreuzung würde man mich gerne mitnehmen. Nur war in dem Jeep kein Platz.
„Aber im Jeep hinter uns ist noch etwas frei“ – er rief etwas auf Hebräisch zurück und deutete an, dass ich zu denen gehen sollte.
Ein Platz war noch frei! In den 21 Kilometern vor mir durfte ich sitzen.

Die Beifahrerin fragte, was ich denn hier in Israel treibe? „Ich arbeite in Beer Milka für Golan“. Sie lachte kurz auf. Vor ein paar Wochen kam das Mädchen in die Umstände irgendwo auf der Straße gestrandet zu sein und autostoppen musste. Es war Golan, der sie dann nachhause brachte…

Es folgten 7 Kilometer bis zur Siedelung Beer Milka. Es war anstrengend, aber die sollte ich zurücklegen können, bis ich bei meinem Fahrrad war. Wieder hörte ich Geräusche und sah, dass ein Militärfahrzeug auf mich zu kam.
Normalerweise dürfen die keine Anhalter mitnehmen. Versucht habe ich es trotzdem und hatte Glück. Bis Beer Milka waren es nicht meine Füße, die mich trugen.
Das Radfahren war vergleichsweise ein Genuss.
Warum das mit dem Gebet so seltsam geendet hat werden sich einige wahrscheinlich fragen. Ich weiß es selbst nicht. Das hier ist ja keine Lerngeschichte, sondern schlicht, was mir damals widerfahren ist…

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