Archiv für den Monat: Oktober 2013

Hilfsbereitschaft

Was kommt als erstes in den Sinn, wenn mich jemand fragt, was ich über Israel denke?

Mir fällt immer die Hilfsbereitschaft der Menschen ein. Es ist in Israel fast unmöglich einsam zu sein. Auf der einen Seite ist man wirklich nie einsam – auf der anderen Seite ist man auch selten alleine.

Ich hatte damals mein Fahrrad dabei und bin nach meiner Arbeit hin und wieder ein paar Runden in der Wüste herumgefahren. Von Idan nach Hatzeva, von Idan zu den „Bad Lands“ (mehr dazu nächste Woche), von Idan bis zur Straßensperre an der Jordanischen Grenze.

Schon damals war ich ein ziemlicher Fotografie-Freak und hatte wie heute Fotos unter Umständen aufgenommen, die „normale“ Menschen wahrscheinlich nicht machen würden…

Siehe: mein heutiges Werk.

Zugegeben: Es sieht nicht spektakulär aus, hat aber einen wunderbaren Hintergrund:

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Mir haben diese Palmenhaine gefallen, die neben der Straße aufgestellt wurden. Aber fahrend, ausgestattet mit einem guten Schwung (rechts unten sieht man meinen Schatten), hält man eher ungern. Nach dem Zücken meiner Kamera und dem Fotografieren stellte sich heraus, dass ich freihändig erfolgreich ins Bankett manövriert hatte und langsam aber sicher die Kontrolle über meinen Drahtesel verlor. Es folgte ein mehr oder weniger kontrollierter Sturz, ein paar Aufschürfungen und eine Kamera, die sicher in die Luft gehoben wurde, während der Rest von mir auf dem Schotterboden aufschellte.

 

Es war mir nichts passiert. Das Fahrrad hatte ein bisschen was abbekommen, aber sonst ging es gut.

In der Zeit kamen 4 Autos vorbei. 3 hielten ungefragt an und wollten wissen, ob es mir gut gehe und ob ich etwas brauche.

Ich war mehr als verblüfft. Der geneigte Leser stelle sich dieselbe Situation in Deutschland oder Österreich vor. Im besten Falle würde man vielleicht ignoriert und nicht seltsam angestarrt.

Auf dem Rückweg habe ich das Fahrrad eher geschoben, als dass ich selbst gefahren bin. Einer der Thai-Worker hat es danach für mich repariert. (Die Reparatur hält bis heute).

Später in Jerusalem habe ich einmal auf einen Bekannten warten müssen und ein Passant hatte ob meines Telefonats bemerkt, dass ich kein Israeli war und hat sich, solange er Zeit hatte einfach mit mir unterhalten.

In Europa würde ein derartiges Verhalten auf Unverständnis stoßen. In Israel weiß man, dass die Leute einfach redselig sind und es vielleicht sogar kennen, sich als Neuankömmling in einer fremden Welt zurechtfinden zu müssen.

Mein 1. Arbeitstag

Die Abmachung war: 6 Tage die Woche, 6 Stunden pro Tag gegen Kost und Logis.

Im Arava-Tal wird es während des Tages ausgesprochen heiß, weswegen die Arbeit stets gegen 5 Uhr Früh begann. Eine Kollegin von mir meinte, sie würde sich um 4 Uhr wünschen, da es gegen 11 Uhr Vormittags mitunter sehr heiß werden kann.

Als ich um 4:55 vor meiner Containerwohung gestanden bin, war es klar, dass ich den Morgenmuffel in mir über kurz oder lang überwinden musste.

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Es war noch kühl, ich hatte eine lange Hose an und zur Sicherheit meinen Hut auf, den ich Monate später in Mea Schearim verlieren sollte.

Die erste Arbeit bestand darin, Tomatenfelder zusammenzurechen, damit sie frei für künftigen Anbau sind. Anfangs war es recht angenehm. Es war recht kühl ich machte einen recht guten Fortschritt. Nichtsdestotrotz war es selbst in der angehenden Morgendämmerung hell genug, dass ich alles sehen konnte.

So wurden die Reihen immer weniger und mit der Sonne stieg auch die Temperatur mehr und mehr an. Gegen halb 10 trieb es mir die ersten Schweißperlen auf die Stirn und durfte eine kurze Pause einlegen. Während ich ein kleines Frühstück verspeiste betrachtete ich auch die Thai-Worker mit derselben Neugierde, die sie mir entgegenbrachten.

Kurzum setzte ich mich zu ihnen und wir aßen gemeinsam. Ich konnte kein Thai, sie konnten keine Sprache außer Thai und trotzdem verstanden wir einander wunderbar.

Mit der Zeit merkte ich, dass die Thai-Worker wesentlich mehr arbeiteten als ich – und dafür selbstverständlich auch gut entlohnt wurden. Wir hatten teilweise recht ähnliche Aufgaben.

Die letzten eineinhalb Stunden waren jeden Tag die schwierigsten. Es war noch nicht einmal Mittag, aber die Sonne hatte alles schon so aufgeheizt, dass die Bewegungen zur Qual wurden. Den Thai machte das etwas weniger aus, als mir. Dafür – so kann ich es mir vorstellen, hätte ich bei Minusgraden auf einem Berg länger durchgehalten.

Im Endeffekt hatten wir etwa +40°C und waren nicht auf einem Berg, sondern in einer Senke. Mit mehr Ehrfurcht betrachtete ich also die Leistungen der Pioniere, die um die Jahrhundertwende hierher gezogen waren und unter ähnlichen Bedingungen wie ich gearbeitet haben.

Jedoch nicht für ein Bett und Essen, sondern ums blanke Überleben.

Nicht mit dem Wissen, dass sich Jordanien um die Ecke vielleicht einmal zum urlaubmachen eigenen würde, sondern damit, dass von „drüben“ eigentlich alles kommen könnte, was man gerade nicht braucht.

Als ich dann um 11 wirklich ins Schwitzen geriet kam auch der Bauer und holte mich ab.

Ich war total verdreckt, die Erde klebte selbst an Stellen, die ich mit Kleidung überdeckt hatte – und in meinen Schuhen wurden meine Füße langsam aber sicher gar.

Mit dem neuen Rhythmus musste ich einmal zurecht kommen – aufgrund meiner bisherigen Gewohnheiten war ich jetzt Mittags umso müder und konnte mich erst nach einiger Zeit aufraffen, in dieser Affenhitze als Autodidakt Hebräisch zu lernen – bei jedem Umblättern klebte die Seite noch etwas länger an meinen Händen.

Im Anbetracht dieser Umstände fällt mir heute das Zitat ein, dass ich erstmals im Zusammenhang mit den Sachsen in Rumänien gehört hatte:

„Des Ersten Tod, des Zweiten Not und des Dritten Brot“

Was auch teilweise in Herzls „Altneuland“ aufgegriffen wurde. Die ersten Einwanderer hatten es am schwierigsten, konnten sich aber auch (noch) das Beste Land aussuchen. Spätere Einwanderer konnten auf die Infrastruktur der Pioniere zurückgreifen, hatten es aber nicht viel leichter.

Und heute… Heute lässt sich vielleicht eine andere Zeile aus „Altneuland“ rezitieren:

‟Ja, das will ich sagen. Diese neue Gesellschaft könnte überall existieren, in jedem Lande, ja, es kann in jedem Lande mehrere solcher Genossenschaftskartelle geben. Dabei braucht der alte Staat keineswegs aufzuhören, er besteht vielmehr fort und schützt die Entwicklung der neuen Gesellschaft, die ihm ja zugute kommt, die ihn stärkt und erhält. Das ist die Koexistenz der Dinge, und daran glaube ich …‟

 

Der Tag vor meinem ersten Arbeitstag

Es ist vielleicht keine sehr intelligente Entscheidung Donnerstags oder Freitags nach Israel zu kommen. Donnerstags hat man die Angst, dass man zu viel Zeit verliert, bevor es Freitag wird und Freitag ist das Meiste ohnehin zu spät.

In der rabbinischen Literatur habe ich erfahren, dass Dienstag der beste Reisetag sein soll. Dies gilt jedoch für das alte Europa, jedoch möchte ich meinen, dass man in Israel auch sehr gut damit fährt. Ich hingegen hab den Freitag gewählt, jedoch war mir das Glück hold, sodass ich nach der anstrengenden Reise am Schabbat nicht sofort arbeiten musste.

Durch den Feiertag konnte ich mich etwas im Moschav umsehen.

 

Moschavim sind nicht sehr religiös. Das ist auch nicht sehr verwunderlich, da die Bewegung doch sehr links gerichtet war/ist und im alten Europa natürlich dem „Klerus“ diametral gegenüber stand. (Was ein jüdischer Klerus ist und ob er existiert sei eines Anderen Frage…)

In Idan gibt es nicht einmal eine Synagoge. Von privaten Gebetshäusern wusste ich nichts.

 

Allerdings hatte ich noch nie einen Ort gesehen, der auch flächenmäßig so klein war. In Europa baut man die Häuser ja gleich zu den Gründen und wenn nicht, dann höchstens aus dem Grund, dass ein anderer das Feld hinter dem eigenen Haus bestellt.

Dann liegt zumindest das nächste Wirtshaus gleich um die Ecke, aber es gibt genug Bauern, die auch weiter davon entfernt leben.

In den Moschavim siedelt man gemeinsam innerhalb des Ortsgebietes und die Felder finden sich konzentrisch angeordnet herum. Ein interessantes Konzept – mit dem Nachteil, dass alles sofort am Anfang geplant werden muss. Allerdings auch mit offensichtlichen Vorteilen gegenüber gewachsenen Siedlungen.

 

Bis jetzt bleibt mir besonders deutlich in Erinnerung, wie langsam der Schabbat immer vergangen ist. Kein Vergleich zum österreichischen Sonntag, der meist da und gleich wieder weg ist.

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Ich konnte mich mit einem Thaiworker unterhalten, habe Wassermelonen gegessen – diese gibt es in Israel wirklich in enormer Menge. Teilweise sind die einfach so in der Küche aufgetaucht. Irgendjemand hatte zu viele angepflanzt (oder geschenkt bekommen?) und sie dann einfach vorbeigebracht.

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Ein paar Pferde besaß die Familie auch – ich wusste bis dahin gar nicht, dass Pferde Wassermelonenschalen verspeisen. Es stellte sich dann heraus, dass sie dies sogar besonders gerne machen.

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Was blieb war die Erholung, die man am Schabbat bekommt. Bis dann mein erster Arbeitstag im Lande der Juden folgte…

Depressionen und Tote

Letzte Woche hatte ich angesprochen, dass man in Israel locker noch Anfang Oktober schwimmen gehen kann. (Wobei man es auch in Mitteleuropa „kann“).

Die Quantität der freistehenden Gewässer ist zwar nicht so hoch, wie in den wüstenfreien Zonen der Welt, jedoch sind die Vorhandenen dafür umso berühmter.

Der See Genezareth bspw. hat seine Berühmtheit dadurch, dass ihn vor 2000 Jahren ein gewisser Herr ob der teuren Bootspreise einfach zu Fuß überschritten hat. Bei einem nicht minder berühmten Gewässer kann man das noch selbst versuchen: Die Rede ist vom Toten Meer.

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Von Jerusalem aus ist das auch recht gut mit dem Bus zu erreichen. Lediglich ob der Ausstiegsstelle und des Fahrplans sollte man sich informieren. Ein paar Haltestellen haben den gleichen Namen, lediglich mit anderem Zusatz.

Wenn man dann an der falschen Station ausgestiegen ist, marschiert man dann noch ein bisschen herum, bis man schließlich ein kleines Strandbad findet.

Auf der anderen Seite liegt Jordanien und man macht sich Gedanken, ob und wie viele Leute hier schon vorbei an der israelischen Grenzwache herübergekommen sind. Prinzipiell ist es nicht weit, als guter Schwimmer hätte ich es mir bis zu dem Zeitpunkt zugetraut, als ich ins Wasser gestiegen bin.

Es schwimmt sich komplett anders als in normalem Wasser. Man fühlt sich ein bisschen wie ein Stock, der vertikal ins Wasser gesteckt wird. Man hält das Gleichgewicht so gut es geht und ist plötzlich in der Horizontalen. Eher aber ohne Kontrolle.

Erst in der normalen Schwimmposition geht es halbwegs. Außer man hat irgendwo eine Schnittwunde. Das geht dann nicht. Gar nicht.

Mit der Zeit gewöhnt man sich allerdings daran, hier nicht unterzugehen, wie in normalen Gewässern.

Ich hatte recht bald Freude daran gefunden und wagte mich etwas weiter hinaus. Zwar nicht mit der Intention, jordanischen Boden zu betreten, aber zumindest die Möglichkeiten auszuloten.

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Bei einer Bewegung war ich dann etwas zu optimistisch und mir ist ein einziger Wassertropfen ins Auge geflogen. So blöd, ihn jetzt mit der nassen Hand „herauszuholen“ war ich glücklicherweise nicht, den Reflex musste ich trotzdem unterbinden und schloss das Auge einfach kräftig.

Es brannte weiter.

Da es aushaltbar war wendete ich und schwamm zurück. Die Schmerzen wurden stärker und die ersten Tränen kamen. Darauf hatte ich gewartet. Diese sollten das Salzwasser verdünnen und schließlich auflösen.

Eher fühlte es sich so an, als ob dieser Salzwassertropfen die Tränen eliminierte. Es schmerzte langsam höllisch und ich kraulte ans Ufer. Das Auge schmerzverzerrt geschlossen. Und natürlich musste ich aufpassen, dass mein heiles Auge nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Am Ufer hatte ich Angst, das Augenlicht verloren zu haben, da ich doch recht lange so unterwegs war und schüttete mir eine Flasche Ein-Gedi-Wasser ins Gesicht. Sofort war der Schmerz weg und ich konnte den blauen Himmel über den blauen Wassern des Meeres sehen. Mir war nichts geschehen. Dennoch blieb mir dies im Gedächtnis.

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Bevor ich wieder von Dannen zog wollte ich noch das obligatorische Zeitunglesen betreiben. Ich hatte zwar niemanden bemerkt, der sich wirklich mit einer Zeitung ins Wasser gelegt hatte, doch das Foto MUSS einfach sein.

Ich nahm also meine Jerusalem Post und stieg ins warme Nass. Es sollte schon soweit sein, dass ich schwomm, also musste ich mir die Zeitung irgendwie über den Kopf halten, damit sie nicht nass wurde. Elegant sah das nicht aus, aber was macht man nicht alles für ein Klischeebild?

Langsam trieb ich dann vor mich hin und versuchte mich zu entspannen.

Als Kind hatte ich ein Foto von einem Mann mit Zeitung gesehen, bei dem das so leicht aussah. Jetzt war das der reinste Knochenjob, das Papier so hochzuhalten, dass es nicht vor Wasser triefte.

Endlich. Das nächste Problem war die Physik: Man trieb nicht über dem Wasser, sondern sank doch etwas ein (oder nur ich, weil ich nur sehr wenig Fett besitze…) also musste ich die Zeitung in die Luft halten und konnte sie nicht auf meiner Brust abstützen.

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Nun hob ich die Hände stärker in die Höhe und wollte den Anschein erwecken, dass ich läse (daran selbst war nicht wirklich zu denken). Jetzt blendete mich die Sonne. Ich kann die Zeitung doch nicht lesen, wenn ich in die Sonne starre?

Also Zeitung noch etwas höher halten (Geht ganz schön in die Arme) und für das Foto posieren.

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Mein Freund am Ufer ließ die Kamera klicken und ich war froh aus dieser ermüdenden Entspannungsposition wieder zu entfliehen. Wer hatte diesen Schwachsinn eigentlich erfunden?

 

Mein Tipp: Genießen Sie Ihren Aufenthalt am Toten Meer nur zur Entspannung, lassen sie die Zeitung daheim und nehmen Sie genug Wasser mit.

Und – Sonnencreme kann man an diesem Tag getrost vergessen: Durch die Lage in der Senke und die damit verbundene Luftkompression wird die UV-Strahlung stark genug abgemildert, um Sonnenbrände gar nicht erst entstehen zu lassen. Ein weiterer Grund, sich entspannen zu können 🙂