Depressionen und Tote

Letzte Woche hatte ich angesprochen, dass man in Israel locker noch Anfang Oktober schwimmen gehen kann. (Wobei man es auch in Mitteleuropa „kann“).

Die Quantität der freistehenden Gewässer ist zwar nicht so hoch, wie in den wüstenfreien Zonen der Welt, jedoch sind die Vorhandenen dafür umso berühmter.

Der See Genezareth bspw. hat seine Berühmtheit dadurch, dass ihn vor 2000 Jahren ein gewisser Herr ob der teuren Bootspreise einfach zu Fuß überschritten hat. Bei einem nicht minder berühmten Gewässer kann man das noch selbst versuchen: Die Rede ist vom Toten Meer.

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Von Jerusalem aus ist das auch recht gut mit dem Bus zu erreichen. Lediglich ob der Ausstiegsstelle und des Fahrplans sollte man sich informieren. Ein paar Haltestellen haben den gleichen Namen, lediglich mit anderem Zusatz.

Wenn man dann an der falschen Station ausgestiegen ist, marschiert man dann noch ein bisschen herum, bis man schließlich ein kleines Strandbad findet.

Auf der anderen Seite liegt Jordanien und man macht sich Gedanken, ob und wie viele Leute hier schon vorbei an der israelischen Grenzwache herübergekommen sind. Prinzipiell ist es nicht weit, als guter Schwimmer hätte ich es mir bis zu dem Zeitpunkt zugetraut, als ich ins Wasser gestiegen bin.

Es schwimmt sich komplett anders als in normalem Wasser. Man fühlt sich ein bisschen wie ein Stock, der vertikal ins Wasser gesteckt wird. Man hält das Gleichgewicht so gut es geht und ist plötzlich in der Horizontalen. Eher aber ohne Kontrolle.

Erst in der normalen Schwimmposition geht es halbwegs. Außer man hat irgendwo eine Schnittwunde. Das geht dann nicht. Gar nicht.

Mit der Zeit gewöhnt man sich allerdings daran, hier nicht unterzugehen, wie in normalen Gewässern.

Ich hatte recht bald Freude daran gefunden und wagte mich etwas weiter hinaus. Zwar nicht mit der Intention, jordanischen Boden zu betreten, aber zumindest die Möglichkeiten auszuloten.

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Bei einer Bewegung war ich dann etwas zu optimistisch und mir ist ein einziger Wassertropfen ins Auge geflogen. So blöd, ihn jetzt mit der nassen Hand „herauszuholen“ war ich glücklicherweise nicht, den Reflex musste ich trotzdem unterbinden und schloss das Auge einfach kräftig.

Es brannte weiter.

Da es aushaltbar war wendete ich und schwamm zurück. Die Schmerzen wurden stärker und die ersten Tränen kamen. Darauf hatte ich gewartet. Diese sollten das Salzwasser verdünnen und schließlich auflösen.

Eher fühlte es sich so an, als ob dieser Salzwassertropfen die Tränen eliminierte. Es schmerzte langsam höllisch und ich kraulte ans Ufer. Das Auge schmerzverzerrt geschlossen. Und natürlich musste ich aufpassen, dass mein heiles Auge nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Am Ufer hatte ich Angst, das Augenlicht verloren zu haben, da ich doch recht lange so unterwegs war und schüttete mir eine Flasche Ein-Gedi-Wasser ins Gesicht. Sofort war der Schmerz weg und ich konnte den blauen Himmel über den blauen Wassern des Meeres sehen. Mir war nichts geschehen. Dennoch blieb mir dies im Gedächtnis.

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Bevor ich wieder von Dannen zog wollte ich noch das obligatorische Zeitunglesen betreiben. Ich hatte zwar niemanden bemerkt, der sich wirklich mit einer Zeitung ins Wasser gelegt hatte, doch das Foto MUSS einfach sein.

Ich nahm also meine Jerusalem Post und stieg ins warme Nass. Es sollte schon soweit sein, dass ich schwomm, also musste ich mir die Zeitung irgendwie über den Kopf halten, damit sie nicht nass wurde. Elegant sah das nicht aus, aber was macht man nicht alles für ein Klischeebild?

Langsam trieb ich dann vor mich hin und versuchte mich zu entspannen.

Als Kind hatte ich ein Foto von einem Mann mit Zeitung gesehen, bei dem das so leicht aussah. Jetzt war das der reinste Knochenjob, das Papier so hochzuhalten, dass es nicht vor Wasser triefte.

Endlich. Das nächste Problem war die Physik: Man trieb nicht über dem Wasser, sondern sank doch etwas ein (oder nur ich, weil ich nur sehr wenig Fett besitze…) also musste ich die Zeitung in die Luft halten und konnte sie nicht auf meiner Brust abstützen.

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Nun hob ich die Hände stärker in die Höhe und wollte den Anschein erwecken, dass ich läse (daran selbst war nicht wirklich zu denken). Jetzt blendete mich die Sonne. Ich kann die Zeitung doch nicht lesen, wenn ich in die Sonne starre?

Also Zeitung noch etwas höher halten (Geht ganz schön in die Arme) und für das Foto posieren.

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Mein Freund am Ufer ließ die Kamera klicken und ich war froh aus dieser ermüdenden Entspannungsposition wieder zu entfliehen. Wer hatte diesen Schwachsinn eigentlich erfunden?

 

Mein Tipp: Genießen Sie Ihren Aufenthalt am Toten Meer nur zur Entspannung, lassen sie die Zeitung daheim und nehmen Sie genug Wasser mit.

Und – Sonnencreme kann man an diesem Tag getrost vergessen: Durch die Lage in der Senke und die damit verbundene Luftkompression wird die UV-Strahlung stark genug abgemildert, um Sonnenbrände gar nicht erst entstehen zu lassen. Ein weiterer Grund, sich entspannen zu können 🙂

 

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