Mein 1. Arbeitstag

Die Abmachung war: 6 Tage die Woche, 6 Stunden pro Tag gegen Kost und Logis.

Im Arava-Tal wird es während des Tages ausgesprochen heiß, weswegen die Arbeit stets gegen 5 Uhr Früh begann. Eine Kollegin von mir meinte, sie würde sich um 4 Uhr wünschen, da es gegen 11 Uhr Vormittags mitunter sehr heiß werden kann.

Als ich um 4:55 vor meiner Containerwohung gestanden bin, war es klar, dass ich den Morgenmuffel in mir über kurz oder lang überwinden musste.

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Es war noch kühl, ich hatte eine lange Hose an und zur Sicherheit meinen Hut auf, den ich Monate später in Mea Schearim verlieren sollte.

Die erste Arbeit bestand darin, Tomatenfelder zusammenzurechen, damit sie frei für künftigen Anbau sind. Anfangs war es recht angenehm. Es war recht kühl ich machte einen recht guten Fortschritt. Nichtsdestotrotz war es selbst in der angehenden Morgendämmerung hell genug, dass ich alles sehen konnte.

So wurden die Reihen immer weniger und mit der Sonne stieg auch die Temperatur mehr und mehr an. Gegen halb 10 trieb es mir die ersten Schweißperlen auf die Stirn und durfte eine kurze Pause einlegen. Während ich ein kleines Frühstück verspeiste betrachtete ich auch die Thai-Worker mit derselben Neugierde, die sie mir entgegenbrachten.

Kurzum setzte ich mich zu ihnen und wir aßen gemeinsam. Ich konnte kein Thai, sie konnten keine Sprache außer Thai und trotzdem verstanden wir einander wunderbar.

Mit der Zeit merkte ich, dass die Thai-Worker wesentlich mehr arbeiteten als ich – und dafür selbstverständlich auch gut entlohnt wurden. Wir hatten teilweise recht ähnliche Aufgaben.

Die letzten eineinhalb Stunden waren jeden Tag die schwierigsten. Es war noch nicht einmal Mittag, aber die Sonne hatte alles schon so aufgeheizt, dass die Bewegungen zur Qual wurden. Den Thai machte das etwas weniger aus, als mir. Dafür – so kann ich es mir vorstellen, hätte ich bei Minusgraden auf einem Berg länger durchgehalten.

Im Endeffekt hatten wir etwa +40°C und waren nicht auf einem Berg, sondern in einer Senke. Mit mehr Ehrfurcht betrachtete ich also die Leistungen der Pioniere, die um die Jahrhundertwende hierher gezogen waren und unter ähnlichen Bedingungen wie ich gearbeitet haben.

Jedoch nicht für ein Bett und Essen, sondern ums blanke Überleben.

Nicht mit dem Wissen, dass sich Jordanien um die Ecke vielleicht einmal zum urlaubmachen eigenen würde, sondern damit, dass von „drüben“ eigentlich alles kommen könnte, was man gerade nicht braucht.

Als ich dann um 11 wirklich ins Schwitzen geriet kam auch der Bauer und holte mich ab.

Ich war total verdreckt, die Erde klebte selbst an Stellen, die ich mit Kleidung überdeckt hatte – und in meinen Schuhen wurden meine Füße langsam aber sicher gar.

Mit dem neuen Rhythmus musste ich einmal zurecht kommen – aufgrund meiner bisherigen Gewohnheiten war ich jetzt Mittags umso müder und konnte mich erst nach einiger Zeit aufraffen, in dieser Affenhitze als Autodidakt Hebräisch zu lernen – bei jedem Umblättern klebte die Seite noch etwas länger an meinen Händen.

Im Anbetracht dieser Umstände fällt mir heute das Zitat ein, dass ich erstmals im Zusammenhang mit den Sachsen in Rumänien gehört hatte:

„Des Ersten Tod, des Zweiten Not und des Dritten Brot“

Was auch teilweise in Herzls „Altneuland“ aufgegriffen wurde. Die ersten Einwanderer hatten es am schwierigsten, konnten sich aber auch (noch) das Beste Land aussuchen. Spätere Einwanderer konnten auf die Infrastruktur der Pioniere zurückgreifen, hatten es aber nicht viel leichter.

Und heute… Heute lässt sich vielleicht eine andere Zeile aus „Altneuland“ rezitieren:

‟Ja, das will ich sagen. Diese neue Gesellschaft könnte überall existieren, in jedem Lande, ja, es kann in jedem Lande mehrere solcher Genossenschaftskartelle geben. Dabei braucht der alte Staat keineswegs aufzuhören, er besteht vielmehr fort und schützt die Entwicklung der neuen Gesellschaft, die ihm ja zugute kommt, die ihn stärkt und erhält. Das ist die Koexistenz der Dinge, und daran glaube ich …‟

 

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