Archiv für den Monat: Dezember 2013

Wo ist denn der Gipfel? (1)

_DSC0006_miniIrgendetwas! Es kann doch nicht sein, dass ich einfach auf der Insel hocke und Nichts tue!

Ich halte es generell nicht lange aus, einfach nur still in der Gegend herum zu sitzen und mich vom vorherigen Tag, an dem ich nichts getan habe zu „erholen“.

 

Also begann ich im Internet nach Wanderrouten für Phu Quoc zu suchen und wurde fündig. Oder besser: Nicht fündig, was ich erhofft hatte.

Damit war mir das Monopol sicher und aus ein paar selbstgefundenen Routen könnte ein nettes Büchlein entstehen. Phu Quoc war touristisch durchaus ausbaufähig. Vielleicht auch für Wanderer und Bergsteiger?

Wanderstiefel hatte ich dabei, ein paar Hügel gab es auch, was jetzt noch fehlte, war eine Karte auf der ich den Weg einzeichnen konnte. Und genau hier fing das Problem an…

Wo bitte sollte ich hier eine topographische Karte mit den Erhebungen herbekommen? Zunächst fiel mir in meinem „Lonely Planet“-Reiseführer eine Karte auf, die ein paar relevante Erhebungen gezeigt hat. Nur mit dem kleinen Maßstab konnte ich kaum etwas anfangen…

 

_DSC0010_miniAlso wurden alle Unterkünfte abgeklappert und deren Rezeptionisten höflich gefragt, ob sie eine Karte besäßen. Das Hotel neben mir hatte eine selbstgedruckte Karte auf A4, die die wichtigsten Orte zeigte, jedoch keine Erhebungen. Danach gab es entweder gar nichts oder eine Touristische mit den schönsten Stränden und Aussichtspunkten. Nutzlos für meine Zwecke. So führte mich der Weg nach Duong Dong, wo man mir im Postamt eine große Karte anbot. Hier passte zwar der Maßstab, der Informationsgehalt war jedoch endenwollend… Nachdem die einzige Alternative dazu eine hässliche Touristenkarte im Papierfachgeschäft war, die mehr Platz brauchte, aber alles kleiner abbildete entschied ich mich für die „offizielle Karte“. Mithilfe der wesentlich detaillierteren Version in meinem Büchlein trug ich markante Punkte ein und am nächsten Morgen sollte der Marsch, die Hügel neben der Straße zu bezwingen beginnen.

 

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie eine Dschungelwanderung gemacht. Im österreichischen Hochgebirge war ich zwar daheim, aber alles, was unterhalb der Baumgrenze lag war ohnehin eher fad. Hier gab es keine Grenze in dem Sinne, überall waren Bäume, das konnte die Sache doch nur besser machen.

Hier muss man gehen, um nach oben zu kommen...

Hier muss man gehen, um nach oben zu kommen…

_DSC0022_miniMit viel Fantasie fragte ich mich bei Hotels und Passanten durch, wie ich am Besten zum Gipfel käme. Die meisten Personen reagierten erstaunt darauf, dass Leute freiwillig auf Bollwerke der Natur steigen würden, versuchten mir aber weiterzuhelfen und nach einigen Umwegen erreichte ich ein paar Bauernhöfe oberhalb der Straße.

 

Vorbei an einem Friedhof...

Vorbei an einem Friedhof…

_DSC0027_miniWeder die Gebäude selbst, noch der Weg dahin fand sich auch in nur

Zumindest war die Aussicht hübsch

Zumindest war die Aussicht hübsch

einer der Karten wieder. Schließlich erreichte ich den höchstgelegenen Hof und wurde freundlich aber verwundert empfangen. Auch sehr erfreut, da sich endlich einmal ein Fremder hierherverirrt hatte. ABER – man versicherte mir, es gäbe einen Weg nach oben – ich musste nur über den Stacheldraht klettern und konnte das Ziel praktisch nicht verfehlen. Nun ja. „Weg“ war übertrieben. Vielleicht fließt hier ja in der Regenzeit Wasser… Aber Weg war das keiner.

 

Der "Eingang" zum Aufstieg

Der „Eingang“ zum Aufstieg

Nichtsdestotrotz erkämpfte ich mir eine Schneise durch das Buschwerk. Die Dornsträucher und Dornpalmen störten mich extrem, schließlich hatte ich ja kein Werkzeug dabei. In Österreich brauchte ich das auch nie…

Nachdem beide Arme voll mit Stacheln waren bereute ich diese nutzlose, störrische Haltung und beschloss, anstatt den Gipfel zu erreichen, lediglich eine Runde zu gehen und an einem anderen Punkt wieder aus dem Dschungel herauszukommen. Ohne Buschmesser war der Aufstieg zum vergessen.

Allerdings wollte ich noch etwas herausfinden. Es war ein äußerst lautes, schrilles Geräusch zu hören, das ich nicht einordnen konnte. Vermutlich kam es von einer Zikade – zu sehen war nichts.

So gut es ging wollte ich es lokalisieren und die Quelle ausfindig machen, kaum war ich jedoch verhältnismäßig nahe – verstummte es.

Dafür tauchte es ganz woanders wieder auf.

In jedem Fall – ich hatte genug für heute. Ständig musste ich irgendwelche Blätter wegstoßen, Dornen aus meiner Haut ziehen oder mich an den Bäumen entlanghanteln, um nicht ganz auf das mehr oder weniger stabile Geröll angewiesen zu sein.

Irgendwann lagen anstatt der gewohnten kleinen Steine plötzlich zwei etwa 1m voneinander getrennte Felsen vor mir. Sicher, ich war ob der Hitze und dem eher nutzlosen Kampf mit dem Urwald geschwächt, aber normalerweise springe ich wie eine Bergziege herum, wenn alles nur hoch genug liegt.

Auch in diesem Fall setzte ich an, sprang…

Schmerz. Die Baumkronen und der Himmel blitzten vor mir auf und ich war im freien Fall. Schließlich der Aufprall.

 

Leicht benommen richtete ich mich auf und schaute auf meine Füße:

_DSC0048_mini

In der Machpela – Hebron

Es fällt einem etwas schwer, sich in Israel unsicher zu fühlen. Zumindest, wenn die IDF präsent ist. Wie in jedem Reiseführer wurde auch ich in dem meinigen vor Reisen in die Autonomiegebiete gewarnt. Menschenansammlungen, etc. sowieso.

Auch viele Israelis haben Hebron aufgrund der potentiellen Gefahr noch nie besucht, was ich nach der Fahrt durch die Altstadt nachvollziehen konnte. Nach meinem Besuch gab es einige Zwischenfälle mit Toten und ich kann die Sorge verstehen – auch mir geht oftmals beim Lesen der Schlagzeilen der Gedanke durch den Kopf „das hätte ich sein können“.

 

_DSC0853_miniDoch über dem Eingang der Machpela erhob sich ein Turm mit Soldaten, der mir wieder mehr Mut machte. Nach dem Eingang folgte ein Korridor mit Nische für Gebete, Studien und vielleicht auch Gottesdienste.

 

Bewaffnet mit Tallit und Psalmenbüchleich setzte ich meinen Weg fort. Da die Umgangssprache wieder einmal Hebräisch war wusste ich nicht wo ich war oder hingehen soll. Geschweige denn, wo die Gräber waren.

_DSC0854_miniRechts von mir erblickte ich einen kleinen Raum, der schlicht aber doch geschmückt war. Im Gegensatz zum leicht belebten Rest war hier allerdings niemand. Irgendwas konnte ich hier fühlen. Eine einzigartige Atmosphäre. Nach einigem Umsehen hat sich jemand im Raum eingefunden und ich konnte fragen, wo ich sei.

“Das weißt du nicht?” fragte er “Du bist genau zwischen den Gräbern von Avraham und Sarah”. Es war atemberaubend und an das Gitter gestützt versuchte alles auf mich wirken zu lassen. Anstatt die Erfüllung, die ich erwartet oder erhofft hatte gab es nur neue Fragen.

Wenn ich hier in Israel bin, um nach Gott zu suchen. Wieso sollte er bei den Gräbern hier näher sein, als in der Wüste, wo ich arbeite oder in Lienz wo ich den Großteil meines Lebens verbracht hatte. Warum genau hier?

_DSC0858_miniDiese Frage wurde von einem Studenten in Mea’Schearim meiner Meinung nach gut beantwortet und ich stimme ihr zu, daher möchte ich sie auch niederschreiben: Gott ist hier nicht näher. Aber die Menschen geben dem Ort durch ihre Gebete so viel Kraft, dass man sich hier näher fühlt.

Der andere Pilger hat mich gefragt, ob ich Tfillin legen kann. “Nein”, musste ich gestehen, ich kenne weder das Gebet, noch den Ablauf.

Er hat es mir gezeigt und zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich sie legen.

Dieses Gefühl werde ich wahrscheinlich niemals vergessen. Aber eines ist merkwürdig dabei:

Wenige Stunden zuvor war ich Beer Scheva, wo mich zwei orthodoxe Juden gefragt hatten, ob ich Tfillin legen kann. Diese hatten es mir dann allerdings freundlich aber bestimmt verweigert, da ich Nichtjude bin.

Leider gibt es aus dieser Szene kein Foto. Vielleicht hätte das aber auch die Erfahrung gemildert.

 

Inzwischen war auch die Zeit verstrichen und ich befürchtete meine Mitfahrgelegenheit zu verpassen. Das Auto stand noch da, nur den Besitzer konnte ich nicht ausfindig machen.

Die Juden, die herumstanden konnten mir nicht weiterhelfen, alle waren zu Besuch hier, hatten eine Unterkunft, kannten den Fahrer nicht.

 

Ein älterer Herr hat mich wohl schon länger beobachtet, wie ich die immer neu auftauchenden Personen fragte, ob sie nach Jerusalem fuhren und kam auf mich zu – „Ich kann dir leider auch nicht helfen“ meinte er etwas bedrückt auf Englisch „aber du wirst hungrig sein. Ich überlasse dir gerne etwas von meinem Lunchpaket“.

 

Tatsächlich war ich inzwischen hungrig geworden und dankte für das Angebot. Während dem Essen auf einer der Stufen vor der Machpela wurde ich zumindest ruhiger. Inzwischen verstrich die Zeit und es wurde immer später… Was würde wohl passieren?

Vietnamesische Weihnachten

Eigentlich wollte ich ja eine gewisse Kontinuität beim Erzählen meiner Geschichte wahren, nur bemerke ich, dass Weihnachten dieses Jahr besonders früh fällt und ich eigentlich noch gar nicht in Mui Ne angekommen bin, sondern noch auf Phu Quoc festsitze. Wenn der geneigte Leser, der meine Geschichten bisher verfolgt hat dieses Faktum ignoriere, dann kommt jetzt eine Weihnachtsgeschichte…

 

Am 24. Dezember 2012 war ich gerade in Mui Ne angekommen. Ausgerüstet mit einem Moped, das ich mir von einem zwielichtigen Herrn ausgeliehen hatte fuhr ich viel in der Gegend herum und entdeckte ein Fischerdorf südlich des von den Touristen überschwemmten Gebietes.

Recht bald wich die Straße einem sandigen Pfad und die Häuser einer unbewohnten Küstenlandschaft.

_DSC0199_mini

Den Tag verbrachte ich großteils hier, umgeben von einem Friedhof und den riesigen Wellen des Südchinesischen Meeres. Am Abend rollte ich mit meinem Blechkübel nach Phan Thiet und beobachtete das vietnamesische Treiben an Weihnachten.

 

Es war irgendwie fremdartig. In einem Land, in dem vielleicht ein Sechstel der Bewohner jemals Schnee mit eigenen Augen gesehen hatten, in einem Gebiet, in dem es wahrscheinlich noch nie Schnee gab zierten Weihnachtsmänner auf weißer Wolle die Dächer.

_DSC0394_mini_DSC0214_miniWährend mir als Mitteleuropäer schon die langen Hosen etwas zu heiß wurden liefen hier Nikoläuse mit Wintertracht, Zipfelmütze und Sonnenbrille herum und schienen das Spektakel auch noch zu genießen.

An den Straßenrändern schienen mir kitschig beleuchtete Krippen entgegen. Teilweise auch in Überlebensgröße.

Nur etwas habe ich leider nie gesehen – und von kaum etwas hätte ich lieber ein Foto gemacht: Ein vietnamesisch anmutendes Jesuskindlein. Mir war zu Ohren gekommen, dass in China Jesus manchmal als Chinese dargestellt wird. Selbiges musste ich auch nach mehreren Kirchenbesuchen für Vietnam leider verneinen.

Leider sehr europäischer Jesus...

Leider ein sehr europäischer Jesus…

Ein paar Kirchen spielten vor großem Publikum im Freien Bibelszenen und auch wenn ich nicht verstand, was gesagt wurde, so konnte ich doch immer wieder mit etwas Fantasie über die Namen heraushören an welcher Stelle sie gerade waren.

_DSC0248_mini

Mit vielem hatte ich in einem Lande so fern meiner Heimat gerechnet. Nur etwas so banales wie Bibelszenen am Heiligen Abend? Damit wohl nicht.

 

So folgte nach dem Abendessen noch eine Rundfahrt durch die Stadt und schließlich wollte ich zurück in mein Gästezimmer. Doch anstatt eines vietnamesischen Jesus bekam ich ein gänzlich anderes Schauspiel zu sehen, das es wohl nur in Vietnam gibt: Ein Mopedstau.

_DSC0257_mini _DSC0359_mini _DSC0290_mini _DSC0269_mini _DSC0320_mini

Die Haupstraße gegen Süden war voller Mopeds. Anfänglich war es noch erheiternd, schließlich jedoch gab es weder vor, noch zurück. Ganz links zwängten sich wie Wassertropfen in einem verstopften Rohr Gegenverkehrsteilnehmer durch. Bis auch diese Ambitionen gestoppt wurden. Die rechte Spur weitete sich auf die ganze Linke aus. Und auf den Gehsteig.

 

Überall waren Mopedfahrer. Manche alleine, manche mit Freundin – hin und wieder gebrauchten auch einige Väter ihr einspuriges Gefährt als Familienkutsche. Die paar Autofahrer taten mir irgendwie Leid. Viele waren es nicht, aber vermutlich war ihre Situation noch aussichtsloser als meine, wie sich bald zeigen würde.

 

Denn langsam verlor auch ich etwas die Geduld und tendierte nach links, da hier noch mehr frei war.

 

Im Endeffekt ein fataler Fehler.

_DSC0307_miniDie Erstversuche der Polizei waren noch lustig. Einzelne Beamte standen auf verlorenem Posten, „bewaffnet“ mit bunt leuchtender Stange und Motorradhelm zeigten sie etwas hilflos in die Richtung in die ohnehin alle fuhren.

 

Doch je länger der Stau andauerte, desto mehr Beamte marschierten auf. Was mich verwunderte, war, wie rasch das Problem gelöst wurde, als nur genug Uniformierte den Ton angaben.

 

Alle Mopedfahrer auf der Gegenverkehrsfahrbahn sollten sich auch als solche benehmen. Und retour fahren. Nach rechts war es unmöglich sich durchzuschlagen und zeigte auch dem einzigen ortsunkundigen Nichtvietnamesen der Polizist, wohin er zu fahren hatte. Diskutieren brachte nichts. Erst recht nicht, da ich auf Vietnamesisch gerade einmal Nahrungsmittel zuweisen konnte. Und ihm jetzt mit „Nudelsuppe“ oder „heißem Kaffee“ zu kommen hätte nicht viel gebracht.

 

Bin dann wohl irgendwo gelandet...

Bin dann wohl irgendwo gelandet…

Mehrere Versuche, eine Ersatzstraße zu finden ließen mich am Ende auf einer Überlandstraße das ganze Gebiet abfahren. Weihnachten war in weite Ferne gerückt, aber ich hatte einen Berg gefunden, den ich besteigen wollte. Was die Religion an diesem Abend zurückgetreten ist, kam den Gipfel wieder näher…

Noch mindestens 20km bis nachhause...

Noch mindestens 20km bis nachhause…

Im Vorhof des Heiligen

Dass Hebron keine Stadt ist die von Tagestouristen lebt, merkt man recht bald. In den meisten Städten finden sich an der Busstation hinweise auf den weiteren Verbleib im Ort. Hier war ich auf mich alleine gestellt. Ohne Stadtplan, ohne Idee wohin, geführt von der Hoffnung. Natürlich wollte ich die Machpela sehen und ging einfach der Straße entlang, vermutend irgendwo etwas zu finden, was mich zur zweitheiligsten Stätte des Judentums führen würde.

 

Nur leider gab es keine Schilder die auch nur irgendwie nützlich waren. Recht sprach ich einen Herrn an, der sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als einer der Orthodoxen dieser Stadt identifizieren ließ. Höflich fragte ich auf Englisch nach dem Weg, worauf er ausrief, dass er mir natürlich helfen werde und ich ihm folgen solle. Wir gingen ein Stück gemeinsam und er fragte mich, ob ich wisse, warum Hebron den Juden gehörte. Ich antwortet, dass Israel das Gebiet doch seinerzeit erobert habe und… „Weil es in der Tora steht, dass es uns gehört!“ unterbrach er mich, ohne meiner „weltlichen“ Antwort Aufmerksamkeit zu schenken. Hier war ich wohl auf den „harten Kern“ gestoßen, er erzählte mich noch was in der Tora stünde. Mir wurde eine Nachdenkpause gestattet und sogleich hielt er – wieder ohne meine Antwort abzuwarten – ein Auto an. Dem Fahrer erzählte er, dass der junge Herr neben ihm zur Machpela wolle, worauf mich der Autofahrer hereinwinkte.

Ich bedankte mich, verabschiedete mich flüchtig und der Wagen fuhr schon ab. Der Fahrer fragte mich, wo ich den bleiben wolle. Meine Reiseliteratur gab keine Auskunft über Nächtigungsmöglichkeiten, weswegen ich antwortet, dass ich schon irgendwas finden würde. Er machte ein finsteres Gesicht und konzentrierte sich stärker auf die Fahrbahn.

Wir waren wohl im alten Teil der Stadt. An den Straßenrändern lagen überall Steine herum, arabische Jugendliche schlenderten umher, einige blieben stehen und sahen uns nach.

Ich fühlte mich unwohl. In Hebron werden regelmäßig israelische Autos und Busse attackiert. Ein paar Wochen vor meiner Reise flogen wieder Steine.

Golan meinte vor meiner Abreise, dass ich mich nicht sorgen müsse, Palästinenser würden keine Touristen attackieren. Wenn sich die Sicherheitshinweise häuften käme weniger ausländisches Geld in ihre Gebiete. „Außerdem…“ fügte er noch hinzu „siehst du nicht aus wie ein Israeli“.

 

Wenn man meinen Vornamen hört, sehe ich zwar recht bald wie ein Italiener aus, aber ich habe Israelis getroffen, die um einiges deutscher wirken als ich, weswegen ich nachfragte, warum ich nicht wie ein Israeli aussähe.

 

Golan zeigte auf meine Sandalen. Kein Israeli trägt solche Sandalen wie du. In der Tat hatte ich europäische Trekkingsandalen an. Er zeigte auf seine. „Israelis tragen solche. Die sind hier sehr beliebt.“

 

Jetzt saß ich also in einem Auto von jemanden, der offensichtlich Jude war und meine Sandalen halfen mir nicht sehr viel. Zwar wirkte mein Hemd doch sehr „unorthodox“ aber… meinem neuen Freund schienen weder die Araber noch meine „legere“ Kleidung etwas auszumachen.

Er sorgte sich darum, wo ich schlafen könne.

„Wir haben einige hundert Jeschiva-Studenten aus Jerusalem hier, die über den Schabbat in Hebron bleiben“, er behielt seinen konzentrierten Blick bei „Auch in meinem Haus sind schon drei, ich würde dich sonst bei mir schlafen lassen“.

Wir kamen in eine schmale Gasse, in der er die Geschwindigkeit verringern musste, um scharf abzubiegen. Ich sorgte mich immer noch darum, ob alles gut gehen würde.

 

Machpela

Machpela

„Kennst du jemanden in Jerusalem?“ fragte er mich schließlich. „Ja“ und dachte dabei an meinen Kollegen vom Österreichischen Auslandsdienst in Yad Vaschem.

„Dann werde ich dafür sorgen, dass du nach Jersualem kommst“. Wir waren da. Vor uns erhob sich wie eine Festung die Machpela. Er sprach kurz von seinem Fenster aus zu einem der Gläubigen vor dem Monument und zeigte schließlich auf ein Auto. Komm in einer Stunde hierher. Er wird dich nach Jerusalem bringen.

 

Er bedauerte nochmals, dass er mir keine Unterkunft anbieten konnte und zückte, als er sich von mir verabschiedete eine Visitenkarte. „Chairman of the Jewish Community of Hebron“ stand darauf.

Vor mir tummelten sich ein paar Juden und ich machte mich frisch und zog etwas formaleres als meine Reiseklamotten an.

_DSC0850_mini

Von der Jüdischen Gemeinde Kronstadt in Rumänien hatte ich einst eine feine Kippa in Weiß erhalten. Diese setzte ich jetzt auf und besuchte das Grab der Väter….

Danke an die Jüdische Gemeinde Kronstadt/Braşov

Danke an die Jüdische Gemeinde Kronstadt/Braşov

Phu Quoc – ich erfinde mir meine Insel

Als wir am Hafen ankamen wurden wir von den etwas chaotisch anmutenden Fahrern, die die Touristen in ihre Hotels brachten getrennt. Ohnehin war die Wahrscheinlichkeit, dass auch meine chinesischen Freunde dasselbe Hotel hatten wie ich eher gering.

 

Hotel auf Phu Quoc

Hotel auf Phu Quoc

In Saigon hatte ich einen Englischen Universitätsprofessor kennengelernt, der eine Vietnamesin geheiratet hatte. Diese wiederum stammte ursprünglich aus Phu Quoc und ein Teil ihrer Familie lebte noch dort. Ein Teil dieser Familie betrieb ein Hotel und durch meine Bekanntschaft erhielt ich einen recht guten Preis.

 

Eigentlich waren die vietnamesischen Spratlyinseln (Quần đảo Trường Sa) meine erste Wahl gewesen, im Reisebüro hatte man mir dann jedoch Phu Quoc eingeredet. Im Nachhinein ist es immer interessant, wenn man darüber nachdenkt, was passiert wäre, wenn man einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Bis heute habe ich die Spratly-Inseln nicht betreten. Mein Wunsch ist es nach wie vor… vielleicht bringt mich ja die Zukunft dahin?

 

Zurück auf Phu Quoc: Recht bald hatte ich mein Domizil erreicht. Es war eine kleine, angenehme Wohnanlage nahe dem Strand. Trotz seiner Lage auch in toleranter Gehreichweite zum Hauptort Duong Dong (Auch, wenn ich nicht daran glaube, dass es Vietnamesen gibt, die diese Strecke nicht mit dem Moped fahren…).

Zuerst sah ich mich um, dann begrüßte ich die Familie, betrat meinen Raum, positionierte das Gepäck. Und legte mich ins schlafen.

Die Busfahrt war anstrengend genug und wenn man schon auf so einer Insel war, dann wollte man sie ja schließlich auch genießen.

 

Am Abend erwachte ich in meinem, vom omnipräsenten Insektenschutz präparierten Bett. Wie immer war es schon um 6 dunkel geworden und ich hatte mich immer noch nicht daran gewöhnt, wie rasch das ging. In Europa ist es, wenn es warm ist immer bis mindestens 10 hell. Hier war es um 6 genauso hell wie um 10…

 

Als ich mein Zimmer verließ bemerkte ich einen anderen Gast. Eine hübsche, junge vietnamesische Frau, die mit Kameramännern angereist war. Aus Interesse, was sie hier mache stellte ich mich vor und fand heraus, dass ich es mit Thanh Thúy Hà zu tun hatte. Eine Moderatorin der Vietnam News Agency. Soweit ich weiß moderiert sie Sonntags das Nachrichtenprogramm. Während meiner Reise lernte ich noch andere Moderatorinnen kennen und brachte es am Ende selbst zu einem kleinen Beitrag im Vietnamesischen Fernsehn.

 

Ihr Team wollte über die Fischsaucenfabrik berichten, die nahe des Hotels war. Gerade hatten sie einen Drehtag beendet und bereiteten sich zum gemeinsam Essen vor. Es war ausgesprochen freundlich und großzügig von ihnen, mich auch einzuladen. Ein Taxi brachte uns zu einem der vielen Restaurants, die einen angenehmen Blick auf das Meer boten.

 

Die Kellnerin bat mich, kurz mitzukommen, um einen Fisch auszusuchen. Meine Englischkenntnisse waren leider für die Bestimmung von Fischarten ungeeignet. Womöglich hätte ich auch auf Deutsch nicht gewusst, was ich wollte…

Meine neue Freundin beriet mich netterweise auch in der Wahl des Fisches und ich erhielt etwas Aalähnliches mit sehr zartem Fleisch.

_DSC0287_mini

Als Vorspeise erhielten wir gefüllten Tintenfische. Mir schmeckten diese in Vietnam wesentlich besser als hier. Bis heute würde ich gerne wissen, womit die gefüllt werden.

Dazu gab es Tiger-Bier. Für mich als jemanden, der eigentlich nie Alkohol trinkt ein gewisser Alptraum, da es an Stärke den tschechischen Bieren, von denen die Vietnamesen anscheinend ihre Braukunst haben in nichts nachsteht.

Glücklicherweise konnte ich es bei einigem eher lieblosen nippen belassen.

_DSC0312_01_mini

Danach flanierten wir noch dem bunten Fischmarkt entlang.

_DSC0330_01_mini

Es war außergewöhnlich, was hier alles zum Verkauf angeboten wurde. Teilweise waren mir diese Fische gänzlich unbekannt. Einige sahen aus wie Barrakudas und ich wunderte mich, wie die wohl schmecken würden. Es wurde spät, wir tauschten noch die Kontaktdaten aus – des nächsten Tages würden sie und ihr Team wohl früher aufstehen als ich.

_DSC0328_01_mini

Ich für meinen Teil beschloss, nie wieder in der Nacht eine Busfahrt zu machen…

_DSC0370_mini

Hebron – oder: Die Westbank gibt keine Kredite

Am Freitag hatte ich mehr gearbeitet als sonst, um noch möglichst vor Mittag unseren Bauernhof verlassen zu können. Wie immer war das Problem, wie ich die Distanz bis zur Hauptstraße zurücklegen konnte. Inzwischen hatten wir fast Juni und die aufkommende Mittagshitze war unerträglich.

Ich spekulierte mit Wahrscheinlichkeiten: War die Wahrscheinlichkeit, dass mich auf einem beliebigen Punkt ab der Kreuzung zwischen Weg und unserem Bauernhof jemand mitnahm höher als direkt an der Kreuzung? Es gab nur eine relevante Plantage ein paar Meter von der Kreuzung entfernt und ich entschied, dort zu warten. Alles Andere ist nur Energieverschwendung bei der Affenhitze.

Die Zeit tropfte dahin, wie Zuckermelasse in der Winterkälte. Schweißtropfen rannen mir von der Stirn und ich versuchte den bestmöglichen Schatten zu finden. Schwierig genug, wenn die Sonne exakt 90° hoch steht. Zwischen irgendwelchen Wüstenpflanzen hatte ich Unterschlupf gefunden und spielte etwas mit ihren Früchten. In meiner Langeweile fand ich auch heraus, dass dieselben ekelhaft schmeckten.

Tatsächlich kam jemand! Und nahm mich mit. Meine Rechnung war aufgegangen und ich hatte keinen Nachteil, dass ich meine Kräfte gespart hatte. Glücklicherweise nahm er mich nicht nur bis nach Beer Milka mit, sondern gleich bis an die Hauptstraße zur Kmehin-Kreuzung.

Dort kam gleich mein Bus – zuerst Beer Sheba, dann Kiriat Arba. In den neuen, jüdischen Teil von Hebron.

 

Ich wusste nicht, womit ich zu rechnen hatte.

 

Auf der Route lag auch Arad. Oft hatte ich von dieser Stadt gehört, nie selbst betreten. Nach einigen Misserfolgen in den 20ern wurde die Besiedelung bis in die 60er hinein aufgegeben, als sie schließlich ein paar Enthusiasten neu für sich entdeckt hatten. Heute ist die Stadt ein Musterbeispiel, wie der Mensch die Wüste zurückdrängt und fruchtbares Land gewinnt.

 

Je weiter wir nach Norden kamen, desto grüner wurde das Land. Die Passagiere im Bus wurden immer weniger und die Landschaft verformte sich immer seltsamer. Grüne Hügel tauchten neben uns auf, seit Monaten hatte lag wieder Wald vor meinen Augen. Was für ein Anblick.

 

Gewisse Angst hatte ich vor den „menschenunwürdigen“ israelischen Grenzkontrollen, von denen ich so viel in den Medien gehört hatte. Schon die Erfahrungen bei der Einreise waren eher unangenehm, was sollte jetzt kommen?

Wir passierten den Grenzzaun und ich war auf das Schlimmste gefasst. Hier ein Augenzeugenbericht aus erster Hand:

 

Ein israelischer Soldat mit Sturmgewehr stieg in den Bus. Mit müdem Blick musterte er alle fünf Passagiere. Etwas angestrengt marschierte er bis zur letzten Bank des Busses und suchte nach Verdächtigem. Dann verließ er den Bus wieder. Eine Minute später startete der Fahrer den Wagen und die Grenze lag hinter uns.

Anfangs verlief noch ein Zaun gleich neben der Straße. Der Grenzzaun sprach eine eigene Sprache.

 

Als wir schon weit hinter der Kontrollstation lagen fiel mir auf, dass man trotz meines offensichtlichen Touristenoutfits nicht einmal meinen Pass sehen wollte.

rest__DSC0826_mini

Die Stimmung auf der Strecke war bedrückend. Das Land war hier wesentlich fruchtbarer als im Negev. An den Hängen der Hügel hier wuchsen überall Pflanzen, aber trotzdem war weniger bewohnt und bewirtschaftet als in meiner „Heimat“. Es fühlte sich so an, als ob man in der Parallelwelt aus dem Film „Langoliers“ von Stephen King war. Hin und wieder standen Busstationen in der Flur, die man hätte sanieren sollen.

Wieder tauchte ein Zaun auf. Der Bus befuhr die „berüchtigten“ „Siedlungen“. Es war ein merkwürdiges Gefühl, wie ruhig hier alles war. Bis auf ein paar Wächter gab es kaum Lebenszeichen. Die Stimmung war bedrückend. Der Bus drehte die eine oder andere Runde, hinein in die Siedlung, hinaus aus der Siedlung.

rest__DSC0811_mini

Neben der Straße tauchten dann die arabischen Siedlungen auf. Es war genauso bedrückend. Die Häuser sahen aus, wie ich sie später in Ostjerusalem sehen sollte. In den jüdischen Siedlungen glichen sie den Europäischen. Bei den kleineren arabischen Dörfern konnte man sofort sehen, dass sie arabisch waren:

  1. Sie hatten keine Sicherungszäune
  2. Ihnen vorgelagert befanden sich meist landwirtschaftlich genutzte Flächen

Auch, wenn ich das Gebiet gerne auf eigene Faust erforscht hätte – mein ungutes Gefühl ließ sich nicht einfach abschütteln. Aber ich hatte auch keine Zeit dafür eingeplant.

rest__DSC0838_mini

Das änderte auch Hebron selbst nicht. Im Gegenteil. Der arabische Teil war vor Kiriat Arba zu sehen. Wieder quaderförmige, sandsteinfarbene, schmucklose Häuser.

Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie und wo der Bus angekommen ist. Wahrscheinlich war ich zu sehr in meinen Gedanken versunken. Kiriat Arba hieß mich willkommen…

Phu Quoc für Profis

So wirklich die „Nacht meines Lebens“ wollte es nicht werden. Der Bus holperte auf irgendwelchen Straßen immer weiter ‚gen Westen durch die Nacht. Hin und wieder schrie jemand in sein Telefon und ließ den ganzen Bus an seinen sozialen Fertigkeiten teilhaben.

Man erinnert sich auch nur selten an Nächte, in denen man gut geschlafen hat, von daher weiß ich auch noch, dass ich auf diesen sehr knapp in ihrer Länge bemessenen Liegen nicht so wirklich das tun konnte, wofür sie konzipiert waren: Schlafen. Es fehlten etwas mehr als 20cm zu meinem Glück – etwas euphorisch konnte man meine Schlafstellung als den „Embryo im 10. Monat“ bezeichnen.

_DSC0137_mini

Wir waren auf dem Weg von Saigon nach Rach Gia und ich hatte wieder einmal eine Nachtfahrt gebucht. Irgendwann gegen 4 Uhr schreckte ich auf einmal hoch.

Der ganze Bus war gleißend hell erleuchtet und es spielte laute Vietnamesische Musik. Im ersten Moment meinte ich, wir seien angekommen, doch nein, wir fuhren noch gut eine halbe Stunde. Weiterschlafen konnte ich nicht, wach sein auch nicht und alles dazwischen war zwar nicht zufriedenstellend, aber auch nicht lösbar.

 

Irgendwann hielten wir doch und jetzt musste ich wohl oder übel wach sein und aussteigen. Eigentlich sollte es noch einen Transfer zum Hafen geben, doch wo der sein sollte konnte uns niemand sagen. Stattdessen sammelte sich langsam eine beängstigende Menge an Tuk-Tuk-Fahrern um uns herum, die sich irgendwelche Fantasiepreise für zwei Kilometer ausdachten. Die Fahrtbegleiter konnten kein Englisch und kein Vietnamesisch. Der Bus fuhr irgendwohin weiter und wir standen, umzingelt von Motortaxifahrern am Platz. Die meisten der anderen Touristen gaben recht schnell nach und zahlten brav. Ich verhandelte – und konnte mir nichts herausschlagen.

Neben mir gab es noch ein chinesisches Pärchen, das sich ebenso weigerte mehr zu zahlen als notwendig und etwas ratlos dastand. Ich hingegen wollte Glück mit Instinkt mischen, schulterte meinen Rucksack und stapfte durch die kühle Morgenluft in ‚gen Meer.

Diese riesige Menge an Wasser ist so gigantisch. Es sollte schwerer sein, an ihr vorbeizugehen, als sie zu finden – ein paar Touristen, die schon vor mir hier waren erzählten mir Tage zuvor, dass der Weg nicht so schwer zu finden und zu Fuß zurücklegbar sei.

 

Neben der Straße bauten inzwischen zahlreiche Leute ihre Marktstände auf. Als ich nach dem Weg fragte, konnte mir keiner weiterhelfen. Was „Hafen“ auf Vietnamesisch hieß konnte ich nicht einmal ahnen. Auch das Finalziel meiner Reise – Phu Quoc half mir nicht sonderlich weiter.

Ich bedankte mich trotzdem mit einem „Cam on“ bei der älteren Dame, die immer noch nicht so recht wusste, was ich denn von ihr wollte.

_DSC0159_mini

Etwa hundert Meter vor mir war ein Wegweiserschild aufgestellt. Nur mit den Informationen darauf wusste ich herzlich wenig anzufangen. Genau jetzt trat der chinesische Herr von Vorhin auf mich zu und meinte, er wisse den Weg. Etwas überrascht fragte ich, ob er denn Vietnamesisch könne. Er verneinte – aber ihn hatte ein anderer Verkäufer scheinbar besser verstanden als mich. Den nächsten Teil des Weges legten wir also gemeinsam zurück.

_DSC0211_mini _DSC0206_mini _DSC0213_mini

Uns allen rannen die Schweißperlen von der Stirn. Nach dem verlassen des Busses war es fast eiskalt gewesen, aber langsam heizte sich die Luft zu ihrer gewohnten Temperatur auf. Als dann auch die ersten Sonnenstrahlen am Horizont auftauchten glitzerte uns auch das Wasser eines Meerkanals zu. Wir waren da.

_DSC0215 - _DSC0225

Vor uns lag der Hafen von Rach Gia. Das Schiff sollte erst in ein paar Stunden losfahren, deswegen aßen wir drei noch gemeinsam zu Frühstück. Es gab wie immer Nudelsuppe – und danach einen Kaffee, der so süß war, dass man erst gar keine Sachertorte dazu essen musste.

_DSC0227_mini

Nachdem einige Schiffe bereits abgelegt hatten, waren auch wir bald an der Reihe und fuhren immer weiter in den Golf von Thailand hinaus. Vorbei an vielen kleineren Inseln, die ich auf der Karte gar nicht gesehen hatte. Mehrmals schlief ich dabei ein. Das Schiff hatte zwei Klassen – und ich verstand nicht so wirklich, wie ich es geschafft hatte, in die erste zu kommen. Eine englische Gruppe hatte für ihr Ticket genauso viel bezahlt wie ich und saß im Gegensatz zu mir nicht auf einem bequemen Sofa, sondern auf einer Holzbank…

_DSC0231_mini _DSC0261_mini

Am Ende haben wir auf der größten der ganzen Inseln angelegt – und hier begann auch mein nächstes Abenteuer: Phu Quoc.

 

Avdad (3)

Die Wasserlacken wurden immer weniger und irgendwann hörte auch der Flusslauf einfach auf. Zwischen Geröll und Rinne stand ich nun etwas verloren und dachte darüber nach, was jetzt wohl zu tun sei. Zu Anfang schien die Straße parallel zum Bachbett ausgerichtet zu sein, weswegen ich meinen bisherigen Pfad in ebendiese Richtung verließ.

 

Meine Entscheidung erwies sich als korrekt: Schon nach wenigen Metern stand ich auf der Straße und fühlte wieder die Adern der Zivilisation.

Im Hintergrund die von der Sonne verbrannten Hügel und Berge des Negev, verschiedene teilweise geschlossene Kleintierbauernhöfe und irgendwo mitten in die Wüste geworfene Container. Irgendwo in der Ferne jagten Sandteufel durch den Staub.

DSC0456_mini

Ich weiß nicht, ob ich diese Geschichte schon einmal erzählt habe: Bei diesen Wanderungen durch den Negev fielen mir die Sandteufel auf, die auch aus der Ferne gut zu sehen waren. Einmal passierte es mir in Hatzeva bei Idan, dass ich selbst in einen sehr Kleinen geraten war.

Bis auf sandige Augen und auf meinem Fahrrad hängengebliebenem Laub ist mir jedoch nichts passiert. Ich hatte Golan gefragt, wie diese Winde heißen und er erzählte mir, dass die Beduinen „Al Hul“ dazu sagen würden.

In alten Geschichten und Legenden ist die Rede davon, dass es sich hierbei um verlorene Seelen handle, die nach der Erlösung strebten.

 

Eine passendere Beschreibung hätte sich für diese einsame Kreisen durch die Unendlichkeit der Wüste ziehenden Winde wirklich nicht finden lassen, oft betrachtete ich lange, die Bahnen die sei in ihrem ewigen Streben zurücklegten.

 

Damit ich jedoch selbst nicht als solcher Wind endete schritt ich weiter der Straße entlang und hoffte, endlich in Avdad anzukommen. Mit der Zeit fing ich wieder an, Autos anzuhalten und wurde wie in Südisrael üblich recht bald aufgesammelt. Ein freundlicher Israeli in einem schwarzen Audi war so nett und drückte mir auch gleich einen Apfel in die Hand. Ich muss wohl durstig ausgesehen haben…

DSC0353_mini

Nach jedoch nicht einmal fünf Minuten Fahrt tauchten Ruinen links neben der Fahrbahn auf und er fragte mich, ob ich dahin müsse. Nachdem das Sitzen nach der Wanderung eine doch sehr angenehme Alternative war dachte ich kurz über eine Ausrede nach, was sich jedoch nach einem Schild auf dem gut lesbar „Avdad“ stand als obsolet herausstellte.

Ich dankte nochmals, knusperte an meinem Apfel weiter, lief in das Museum und schaute mir im überdachten und klimatisierten Eingangsbereich die Doku über die Ruinenstadt an. Gleich drei Mal. Nicht jedoch, weil sie so gut war.

DSC0399_mini

Die ersten Gebäude lagen am Fuße des Hügels und ich war erstaunt, was die alten Nabatäer hier geleistet hatten. Trotz brennender Nachmittagshitze war es in den Räumlichkeiten doch ausgesprochen erträglich. An den Wänden liefen Geckos auf und ab, die meinen Bewegungen mit ihren großen Augen folgten.

DSC0380_mini

Das erste Bauwerk schien einmal ein Badehaus gewesen zu sein. Die Tradition der heißen Dampfbäder war wohl schon vor dem Auftauchen von Arabern und Türken bekannt und beliebt. Ich hingegen dachte lieber an die kühlen Wässer des Nationalparks….

DSC0365_mini

Auch mussten die Nabatäer gute Winzer gewesen zu sein. In den im Hügel gefundenen Höhlen fanden sich haufenweise Amphoren – und auch die Temperaturen lagen auf dem Niveau eines Weinkellers.

_DSC0401_mini

DSC0411_mini

Ganz oben am Gipfel lag die Ruine der Festung auf deren Vorplatz heute der israelische Magen David weht.

DSC0433_mini

DSC0434-_DSC0435_mini

Dahinter noch eine Befriedung, darum nur Trümmerhaufen. Als Laie konnte ich höchstens erahnen was hier errichtet wurde, bevor die Nabatäer von der Bildfläche verschwunden waren… Großteils fand sich keinerlei ausgehangene Information über die vielen bunten herumliegenden Tonscherben und Splitter.

DSC0437_mini

DSC0441_mini

DSC0451_mini

Trotz dieser verhältnismäßig großen Fülle an Ruinen, die dieses Volk hinterlassen hat ist heute immer noch recht wenig über sei bekannt. Insbesondere in Israel wird jedoch viel zu dem Thema geforscht, was genau sie nicht hinterlassen hatten. Dazu zählt vor Allem das Wissen um die Landwirtschaft, das sie womöglich mit ins Grab genommen haben.

DSC0455_mini

Tage am Chinesischen Markt, Saigon

Ich weiß nicht mehr warum ich damals so häufig am Bình Tây Markt war. Gekauft habe ich abgesehen vom Obst eher selten etwas.

DSC0686_mini

Meine erste Reise dahin legte ich mittels Motorradtaxi zurück und stellte fest, dass dies etwa 10x so teuer war als mit dem Bus. Mit etwas Fantasie konnte man auch im Bus herausfinden, wann man da war. Hin und wieder fanden sich nette Studenten, die der Englischen Sprache mächtig waren und einem etwas verirrten Europäer sagten, wann er aussteigen musste.

Bei meinem ersten Besuch am Markt half mir sogar eine jugendliche Vietnamesin über die Straße. Ob sie einfach nur nett sein wollte oder ob ich an jenem Tag älter aussah als sonst konnte ich nicht mit Sicherheit feststellen. Glücklicherweise war ich den Verkehr in Saigon gewohnt. Wenn also die Mopeds angefahren kamen, habe ich mich aufgepumpt. Vielleicht ist das nicht immer die passende Strategie. Ich bin jedoch 1,90m, also ist es zumindest bei mir immer die richtig.

DSC0622_miniOftmals bin ich einfach nur den Markt selbst und seine Peripherie entlanggeschlendert. Obwohl er in den meisten Reiseführern als “Chinesischer Markt” bezeichnet wird, sind heute wahrscheinlich die wenigsten der Verkäufer Chinesen – wobei man sich manchmal ob der Enge an China erinnert fühlt.

Außerhalb des markanten Hauptmarktes ist die Auswahl im Stoffsektor enorm.

DSC0621_miniMehrmals rollten Autos durch die schmalen Gassen, die schon für die unzähligen Fußgänger zu eng waren, die den Mopedfahrern ausweichen mussten. Ich zog mich recht bald in das Hauptgebäude zurück, das ebenso zum bersten voll war. Im Untergeschoss verkaufte man Haushaltsgegenstände und für uns Westler recht kuriose Nahrungsmittel wie Vogelnester.

Mehrmals habe ich in Vietnam Häuser gesehen, die über bestimmte Löcher verfügt haben und die Nester entfernen zu können. Selbst probiert habe ich sie allerdings nie.

DSC0708_mini

Neben dieser etwas “eigenen” Speise fanden sich noch getrocknete Wurzeln und Kräuter… Wenn ich daran denke hätte ich mir gern einmal notiert, was das alles eigentlich war.

DSC0752_mini

DSC0747_mini

DSC0713_mini

Das Obergeschoss war für Vietnamesen interessanter als für Touristen, weswegen ich mich hier gleich wohler gefühlt habe. Die Stände wurden immer kleiner und das warf die Frage auf, wovon die Leute wohl leben würden. Die meisten dieser Verkaufsstände hatten auf den ersten Blick genau das gleiche wie die Nachbarstände… Vielleicht nur in anderen Farben.

DSC0723_mini

Von hier oben bemerkte ich bei meiner ersten Begehung auch, dass der Markt einen Innenhof hatte, der erstaunlich ruhig war. Die Erwartung, dass auch dort so viel los sei, wie herum, bestätigte sich nicht.

DSC0741_mini

In der Mitte erhebt sich ein Denkmal, das einst dem Erbauer des Marktes gewidmet war: Thông Hiệp. Heute findet sich jedoch keine Statue mehr von ihm hier, lediglich das Fundament und dessen Verzierung. In jedem Fall war hier der richtige Ort, eine kleine Verschnaufpause einzulegen.

Im Hinteren Bereich wurde zumeist Obst verkauft. Auch eine Frucht, die man mir als “Quả Gấc” vorstellte. Zum bloßen Verzehr war sie anscheinend nicht geeignet, wies mir die Verkäuferin mit wilden Gesten und schlechtem Englisch. Umso mehr behielt das Rote Teil eine Faszination auf mich. Eine Verkäuferin gestatte mir zwar netterweise sie ein wenig zu kosten, Geschmack hatte sie jedoch keinen…

Interessant war auch der Reliquenladen, der sich am hinteren linken Ende des Marktes befindet. Zwar konnte das Mädchen, das an der Kasse mit ihrem Mobiltelefon spielte nur schlecht Englisch – die Gegenstände selbst übten indes einen “Zauber” auf mich aus… Diese ganzen Amulette und Malas zeugten von der Mystik, von der man als Europäer zu träumen beginnt, wenn man an Fernost denkt.

DSC0754_mini

Irgendwo fand sich dann auch noch ein Essenstand mit Sitzgelegenheit. Ob meiner Größe lagen meine Knie fast höher als der Kopf aber immerhin konnte ich dem bunten Treiben in Ruhe bei einer Nudelsuppe zusehen.

Die Damen, die an den Häusern saßen verkauften Lebendgeflügel und daneben spielten Männer chinesisches Schach oder andere Brettspiele. Es war oftmals faszinierend ihnen dabei zuzuschauen. In Can Tho saßen einmal acht Leute um ein Schachbrett und es war nicht offensichtlich, wer gegen wen spielte – aber sie schienen immerhin viel Spaß zu haben….

 

Durch Stadt, Wüste, Tal und Wässer nach Avdad (2)

Nach einigem Stufensteigen hatte ich den Ein Avdad-Nationalpark also hinter mir gelassen und mein nächstes Ziel war die Nabatäerstadt Avdad.

 

Kaum war ich über der Schlucht, fielen mir schon die ersten Busfahrer auf, die hilflose Touristen gegen Geld weitertransportieren wollten. Ein Alpenrepublikaner wie ich hingegen trotzt der Hitze und geht seinen eigenen Weg. In Tirol haben wir auch nicht überall Straßen, ich kann auch einen ausgetrockneten Flusslauf entlang marschieren.

DSC0327_mini

Bereits nach wenigen hundert Metern bereute ich die Entscheidung. Die Hitze hier war wirklich etwas übel. Zudem begann ich ernsthaft darüber nachzudenken, wohin ich eigentlich streifte. Nur weil die Straße und die Touristenfänger oben anfangs in diese Richtung führten heißt das noch überhaupt nichts.

DSC0328_mini

Aber fürs Zweifeln hatte ich keine Zeit. Spätestens, wenn ich absolut keine Ahnung mehr hatte, wo ich eigentlich war konnte ich immer noch umdenken.

Kennt der geneigte Leser eigentlich diese Geschichte schon?

Ein Rabbi fragt seinen Schüler:

„Was ist besser? Ein schnelles oder ein langsames Pferd?“

Der Schüler muss nicht lange nachdenken und antwortet:“Natürlich ein schnelles Pferd, Rabbi-Leben“

Worauf der Rabbi verneint:“ Falsch! Es kommt darauf an, ob man in die richtige oder in die falsche Richtung reitet“.

 

So in der Art ging es mir und ich war heilfroh, dass ich nur zu Fuß unterwegs war und mir keinen Jet der Armee ausgeliehen hatte.

Bis jedoch – ich musste zwei Mal hinschauen – Waren das Wölfe?

Im Schatten eines Felsvorsprungs kauerten zwei Tiere mit Fell, spitzen Ohren und einer Rute, von größerer Statur als Füchse.

Ich erstarrte. Hätte ich doch den Bus genommen, hätte ich doch den Bus genommen, hätte ich doch.. dachte ich immer wieder verzweifelt und versuchte selbstsicher zu wirken. Womöglich hatten diese Wölfe mehr Angst vor mir als umgekehrt. In jedem Fall wählte ich den größtmöglichen Wegradius um sie, sodass ich zumindest Zeit gewinnen konnte. Auch, wenn ich mit Sandalen auf Bachbett Geschwindigkeitseinbußen zu erwarten hatte…

Eieieiei…

Wuff! Wuff“ – jetzt bellte Isegrim auch noch und… Moment! Seit wann bellen Wölfe Menschen an? Noch dazu so penetrant wie die beiden? Ich hatte wohl in meiner Abenteuerlust die Erwartungen zu hoch geschraubt oder schon einen Sonnenstich. Da saßen lediglich zwei Promenadenmischungen und produzierten Lärm!

DSC0330_mini

Ich erinnerte mich an eine Erzählung von meinem Bauern: Viele Hunde in der Nähe von Siedlungen würden von den Thaiworkern erzogen und benähmen sich gänzlich anders als europäische oder israelische Hunde.

Wie bei arabischen Hunden, scheinen diese armen Wesen in ihrer Jugend oft von den Menschen geschlagen zu werden und nahezu besessen vom Eigentum ihrer Besitzer zu sein: Das bedeutet zwei Dinge:

  1. Sie bellen ständig
  2. Sie haben Angst vor Menschen

In Kambodscha und Vietnam hatte ich manchmal mit Hunden zu tun, die mir wirklich Angst machten aber ich erinnerte mich an meine Lektionen aus Israel:

Stehen bleiben. Einen Stein hochheben und den werfen. Wenn kein Stein in der Nähe ist reicht es, die Hand nach oben zu reißen.

DSC0332_mini

Ich wollte es überprüfen, ob es tatsächlich Hunde von Thaiworkern waren und warf einen Stein in ihre Richtung, der allerdings ob der Distanz nicht einmal mit viel Fantasie auch nur irgendetwas getroffen hätte.

Aber die Hunde reagierten wie erwartet. Kaum beugte ich mich, zuckten sie zusammen, als ich den Stein in der Luft hielt schreckten sie auf und kaum war der Stein geworfen, nahmen sie Reißaus.

Noch einige Zeit hörte ich die beiden mir nachbellen, was fast so klang, als wollten sie mich verfluchen, weil ich ihnen den schönen Platz streitig gemacht hatte…

 

Zumindest konnte ich jetzt ohne Gebelle den Weg fortsetzen, der mich immer weiter in die Wüste trug.

DSC0333_mini

Vor mir lag jetzt der Ausläufer des Avdad-Nationalparks. Einige Lacken abgestandenes Wasser voll mit Algen. Trotzdem faszinierend, es noch um diese Jahreszeit in diesen Mengen zu finden…

DSC0336_mini

Mit der Zeit wurden es immer weniger, bis es schließlich nur noch das Bachbett, ich und die Wüste waren…

DSC0337_mini