Hebron – oder: Die Westbank gibt keine Kredite

Am Freitag hatte ich mehr gearbeitet als sonst, um noch möglichst vor Mittag unseren Bauernhof verlassen zu können. Wie immer war das Problem, wie ich die Distanz bis zur Hauptstraße zurücklegen konnte. Inzwischen hatten wir fast Juni und die aufkommende Mittagshitze war unerträglich.

Ich spekulierte mit Wahrscheinlichkeiten: War die Wahrscheinlichkeit, dass mich auf einem beliebigen Punkt ab der Kreuzung zwischen Weg und unserem Bauernhof jemand mitnahm höher als direkt an der Kreuzung? Es gab nur eine relevante Plantage ein paar Meter von der Kreuzung entfernt und ich entschied, dort zu warten. Alles Andere ist nur Energieverschwendung bei der Affenhitze.

Die Zeit tropfte dahin, wie Zuckermelasse in der Winterkälte. Schweißtropfen rannen mir von der Stirn und ich versuchte den bestmöglichen Schatten zu finden. Schwierig genug, wenn die Sonne exakt 90° hoch steht. Zwischen irgendwelchen Wüstenpflanzen hatte ich Unterschlupf gefunden und spielte etwas mit ihren Früchten. In meiner Langeweile fand ich auch heraus, dass dieselben ekelhaft schmeckten.

Tatsächlich kam jemand! Und nahm mich mit. Meine Rechnung war aufgegangen und ich hatte keinen Nachteil, dass ich meine Kräfte gespart hatte. Glücklicherweise nahm er mich nicht nur bis nach Beer Milka mit, sondern gleich bis an die Hauptstraße zur Kmehin-Kreuzung.

Dort kam gleich mein Bus – zuerst Beer Sheba, dann Kiriat Arba. In den neuen, jüdischen Teil von Hebron.

 

Ich wusste nicht, womit ich zu rechnen hatte.

 

Auf der Route lag auch Arad. Oft hatte ich von dieser Stadt gehört, nie selbst betreten. Nach einigen Misserfolgen in den 20ern wurde die Besiedelung bis in die 60er hinein aufgegeben, als sie schließlich ein paar Enthusiasten neu für sich entdeckt hatten. Heute ist die Stadt ein Musterbeispiel, wie der Mensch die Wüste zurückdrängt und fruchtbares Land gewinnt.

 

Je weiter wir nach Norden kamen, desto grüner wurde das Land. Die Passagiere im Bus wurden immer weniger und die Landschaft verformte sich immer seltsamer. Grüne Hügel tauchten neben uns auf, seit Monaten hatte lag wieder Wald vor meinen Augen. Was für ein Anblick.

 

Gewisse Angst hatte ich vor den „menschenunwürdigen“ israelischen Grenzkontrollen, von denen ich so viel in den Medien gehört hatte. Schon die Erfahrungen bei der Einreise waren eher unangenehm, was sollte jetzt kommen?

Wir passierten den Grenzzaun und ich war auf das Schlimmste gefasst. Hier ein Augenzeugenbericht aus erster Hand:

 

Ein israelischer Soldat mit Sturmgewehr stieg in den Bus. Mit müdem Blick musterte er alle fünf Passagiere. Etwas angestrengt marschierte er bis zur letzten Bank des Busses und suchte nach Verdächtigem. Dann verließ er den Bus wieder. Eine Minute später startete der Fahrer den Wagen und die Grenze lag hinter uns.

Anfangs verlief noch ein Zaun gleich neben der Straße. Der Grenzzaun sprach eine eigene Sprache.

 

Als wir schon weit hinter der Kontrollstation lagen fiel mir auf, dass man trotz meines offensichtlichen Touristenoutfits nicht einmal meinen Pass sehen wollte.

rest__DSC0826_mini

Die Stimmung auf der Strecke war bedrückend. Das Land war hier wesentlich fruchtbarer als im Negev. An den Hängen der Hügel hier wuchsen überall Pflanzen, aber trotzdem war weniger bewohnt und bewirtschaftet als in meiner „Heimat“. Es fühlte sich so an, als ob man in der Parallelwelt aus dem Film „Langoliers“ von Stephen King war. Hin und wieder standen Busstationen in der Flur, die man hätte sanieren sollen.

Wieder tauchte ein Zaun auf. Der Bus befuhr die „berüchtigten“ „Siedlungen“. Es war ein merkwürdiges Gefühl, wie ruhig hier alles war. Bis auf ein paar Wächter gab es kaum Lebenszeichen. Die Stimmung war bedrückend. Der Bus drehte die eine oder andere Runde, hinein in die Siedlung, hinaus aus der Siedlung.

rest__DSC0811_mini

Neben der Straße tauchten dann die arabischen Siedlungen auf. Es war genauso bedrückend. Die Häuser sahen aus, wie ich sie später in Ostjerusalem sehen sollte. In den jüdischen Siedlungen glichen sie den Europäischen. Bei den kleineren arabischen Dörfern konnte man sofort sehen, dass sie arabisch waren:

  1. Sie hatten keine Sicherungszäune
  2. Ihnen vorgelagert befanden sich meist landwirtschaftlich genutzte Flächen

Auch, wenn ich das Gebiet gerne auf eigene Faust erforscht hätte – mein ungutes Gefühl ließ sich nicht einfach abschütteln. Aber ich hatte auch keine Zeit dafür eingeplant.

rest__DSC0838_mini

Das änderte auch Hebron selbst nicht. Im Gegenteil. Der arabische Teil war vor Kiriat Arba zu sehen. Wieder quaderförmige, sandsteinfarbene, schmucklose Häuser.

Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie und wo der Bus angekommen ist. Wahrscheinlich war ich zu sehr in meinen Gedanken versunken. Kiriat Arba hieß mich willkommen…

Kommentar verfassen