Archiv für den Monat: Januar 2014

Fragestunde mit Rabbi Breitowitz

Die Stadt der 100 Tore ist nicht bloß ein religiöses Viertel Jerusalems, sondern auch eine Art integriertes Stadtlabyrinth. Farben aus israelischem Nahost, Struktur aus dem chassidischen Polen und für einen westlichen Europäer fühlten sich die Leute wie außerirdische an. Tatsächlich habe ich über zwei Stunden benötigt, um bis zu der Jeschiwa zu kommen, die man mir am Morgen empfohlen hat.

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Die erste Frage betraf Kashrut, die jüdischen Speisegesetze, Rabbi Breitowitz begann einen interessanten Monolog darüber, dass die Trennung von fleischigem und milchigem nicht immer genau definiert ist und einige Fragen offen lässt.

 

Hier möchte ich einen Teil der Diskussionsrunde wiedergeben – teilweise wurden Fragen gestellt und beantwortet, wie ich sie in keinem Judentum-Büchlein vorgefunden hätte.

 

Frage: Orthodoxe Juden laufen heute in einer Art eigenen Tracht herum, die als „jüdisch“ gilt. Vor 200 Jahren wurde diese Kleidung aber von den polnischen Nichtjuden getragen. Warum tragen die Juden heute die Kleidung der Nichtjuden?

Antwort von Rabbi Breitowitz (tatsächlich innerhalb von Sekunden): Die Kleidung dient als eine Art „Uniform“. Um Zugehörigkeit zu symbolisieren und die Gruppe damit zu stärken. Es ist auch beim Militär sehr wichtig, dass man anhand der Uniform sieht, welcher Einheit ein Soldat zugehörig ist. Jedoch – diese Uniform darf nur dazu verwendet werden um jemanden in die Gruppe einzuschließen. Sollte sie dazu verwendet werden jemanden auszuschließen… Der Zweite Tempel.

Frage: Im Judentum gibt es sehr viele verschiedene Strömungen, die auch (teils sehr) verschiedene Gesetze haben. Gibt es so etwas wie „die Richtige“ Strömung?

Antwort: Hinter jeder Strömung steckt eine eigene Philosophie, über die sich viele Rabbiner gestritten und darüber diskutiert haben.
Das Judentum ist kein chinesisches Menü, in dem man aschkenasisch lebt, die Pessah-Regeln der Sepharden übernimmt und auch ein bisschen was von persischen und tunesischen Juden einstreut. Wenn man nach einer Strömung leben will, dann soll man auch nur nach dieser leben.

Frage: Ich habe mich mit Religionsbeweisen beschäftigt und habe herausgefunden, dass es angeblich im Koran welche gibt. Wenn man im Judentum danach suchen will, findet man aber verschiedene Arten der Tora, beispielsweise die Schriften von Qumran, die sich von der heutigen Tora um 4-5% unterscheiden oder auch die sechs Unterschiede zwischen der Tora der Sepharden und der der Aschkenasen. Welche sollte man zurate ziehen?

Antwort: Es gibt die Geschichte, dass Moses am letzten Tag seines Lebens je eine Tora für jeden der zwölf Stämme Israels geschrieben hat und dass diese Versionen prinzipiell alle gleich waren, jedoch minimale Unterschiede hatten (andere, mehr oder weniger Buchstaben). Somit hatte jeder Stamm seine Version, die für ihn gültig war. Diese Unterschiede werden bemerkbar, sobald man die Tora mithilfe der Kabbalah erforscht.
Da es die Stämme heute nicht mehr gibt geht man entweder davon aus, dass die heutigen Versionen für die heutigen Gruppierungen gedacht sind, oder dass sie übernommene Versionen der früheren Varianten sind.

Diese 12 Varianten hat Moses, so wird erzählt am letzten Tag seines Lebens geschrieben. Moses ist allerdings an einem Schabbat gestorben. Am Schabbat ist Schreiben aber verboten. Was hat er gemacht?
Weiß man nicht – vielleicht hat er den Stift mithilfe der Kabbalah zum Schreiben gebracht. Darüber scheiden sich die Geister.
Interessant ist auch dabei, dass überliefert wird, dass der Tempel von Jerusalem 13 Eingänge hatte. Einen Eingang für jeden Nachkommen eines Stammes. Und der 13? Der 13. war für Juden, die nicht wussten, welchen Stamm sie angehörten.

Durch die Berge Phu Quocs

_DSC0619_miniDie Sense in der Hand, der Dschungel vor mir und entschlossenen Herzens sollte ich den Aufstieg diesmal zu schaffen. Er war nicht ganz so dicht wie beim letzten Mal, aber die Steigung war höher.

_DSC0623_miniErst jetzt erkannte ich den größten Vorteil meiner Sense – mit ihrer Hilfe konnte ich Höhenunterschiede leichter zurücklegen – indem ich mich mit ihrer Spitze an den Bäumen festkrallte.
Die Dschungel in Vietnam sind gänzlich anders als die Wälder in Österreich. Die permanente Schwüle machte mir mehr und mehr zu schaffen. Womöglich könnten mir irgendwelche Tiere gefährlich werden. Das Problem stellte sich alsbald als unproblematisch heraus. Nur ein paar Ameisen schienen mich nicht zu mögen.

_DSC0640_miniWährend meiner Zeit als Lehrer in Kambodscha gab es einmal „Ameisensauce“ als Beilage. Ich vermutete, dass sich die vietnamesischen Cousins jetzt bei mir rächen würden. Sie schienen zur selben Art zu gehören, nur hatten die roten Khmer-Ameisen Angst vor Menschen, während die roten Vietnam-Ameisen sich in meiner Haut verbissen und es mich einige Anstrengung kostete, sie wieder loszuwerden. Diese Biester sind widerstandsfähiger als man meint…

_DSC0681_miniOft wurde ich später gefragt, ob es denn viele Vögel hier gäbe. Nun ja, bei einigen Wanderungen achtete ich darauf, aber ich kann mich an keinen erinnern. Statt dem Zwitschern der österreichischen Wälder war lediglich dieses seltsame Kreischen wie am Vortag präsent.

Die Stunden vergingen und mir tropfte der Schweiß über die Stirn. Irgendwann musste ich doch die Spitze erreichen? Zwar lag die Baumgrenze viel zu niedrig, alsdass dort wirklich ein Aussichtspunkt wäre, aber das war das Tagesziel. Mit der Zeit wurde mir mehr und mehr bewusst, wie gefährlich mein Unterfangen eigentlich war. Niemand wusste wo ich bin… und seit etwa einer Stunde nicht einmal mehr ich selbst.

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Vielleicht würde nach einer Pause alles etwas anders aussehen.
Um nicht wieder den Ameisen zum Opfer zu fallen, stand ich auf einem markanten Felsen, als ich meine Jause verspeiste und starrte in das Dickicht. Auch, wenn ich inzwischen an einer unmöglichen Stelle war war, so hatte es zumindest etwas Einzigartiges: Ich war wohl der erste Mensch, der je hier war!

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_DSC0770_miniEin paar Schritte weiter fand ich ein altes Tintenglas und einen Trampelpfad. Welch Ironie – immerhin: das war jetzt etwas interessanter. Wer mag hier entlangmarschiert sein? Teilweise war der Weg wieder mit stacheligen Büschen vollgewachsen.  Meine Sense konnte damit allerdings wesentlich besser umgehen als meine bloßen Hände am Vortag. Binnen weniger Hiebe war der Weg wieder frei und das Passieren möglich.

Es häuften sich auch ein paar Plastisäcke an und auch sonst war nicht wenig Müll hier. Eigentlich war ich fast von einer Erstbesteigung ausgegangen und jetzt sah es hier so aus, wie im Basislager des Mount Everest?

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Endlich hörte der Wald auf und der Boden war von seltsamen Kräutern bedeckt. Die Sonne blendete mich etwas, hatten doch im Dschungel die Bäume fast alles Licht abgehalten. Ein wunderbarer Augenblick – mit einem Male war die hohe Luftfeuchtigkeit auch weg. Eine kurze Waldpassage hatte ich noch vor mir, dann strahlte im Sonnenlicht eine bewirtschaftete Fläche vor mir. Bewohnt war die Hütte nicht, aber zumindest sollte ich wieder zurück kommen…

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Nur… War hier seltsamerweise kein Weg. Zwei Mal lief ich die Grenze des Grundstücks ab – und es gab keinen Weg? Wie um alles in der Welt kommt der Besitzer hier herauf?

Stabheuschrecke

Stabheuschrecke

Doch entdeckte ich im Wald ein kleines Bächlein, dass ins Tal sprudelte. Wasser sucht sich erfahrungsgemäß immer den kürzesten Weg.
Trotz des Baches, der die Primärarbeit geleistet hatte, fühlte ich mich wieder ein bisschen wie beim Heckenschneiden. Die Palmen und Dorngewächse wollten nicht weniger werden.

Letzten Endes wurde es immer luftiger, bis…

Irgendjemand hatte mitten im Dschungel einen Zaun aufgestellt? Warum auch immer, in meinem Fall war das ein gutes Zeichen. Schon wenige Meter weiter stand das erste Haus. Meine Wanderung war vorbei.

Kaum stand ich vor dem Haus, lief ein kleiner Bub heraus und blieb verwundert stehen. Wohl hatte er mich nicht kommen sehen und nicht damit gerechnet, dass jemals 1,91m große Weiße aus dem Wald kommen würden…

Mein erster Tag in Jerusalem

Der Student, der es mir erlaubt hatte, in der Beit Schalom zu verweilen war Schweizer und wir konnten uns auf Deutsch unterhalten.

Die Situation war merkwürdig – einerseits hatte ich einen westlich gebildeten Menschen vor mir – andererseits sprach ich zum ersten Mal mit einem Haredim. So ganz warm wurden wir nicht miteinander und er begann zu erzählen, dass der Staat Israel auch sehr ungerecht sein kann. So hatten vor ein paar Tagen tausende Ultraorthodoxe demonstriert – der Staat Israel hatte illegale Schulen geschlossen, die die Kinder indoktrinierten.
In diesem Moment ging mir das Herz auf – so schlimm waren die doch gar nicht! Wenn sie dafür auf die Straßen gingen, dass in diesem schönen Land Rechtsstaatlichkeit herrschte und eine adäquate Schulbildung für alle Kinder verpflichtet wurde – wo sonst kommt das vor? Das war großartig.

Mein plötzlicher Eifer fiel jedoch wie ein Soufflé zusammen, als mir mein Gegenüber empört erzählte, dass der Staat kein Recht hatte, ihnen ihre Schulen zu verbieten und man noch mehr Gläubige aufbringen werde und ob ich nicht mitdemonstrieren wolle.
Für das Angebot dankte ich und würde bei Bedarf darauf zurückkommen, jedoch musste ich jetzt weiter… Mir wurde ein anderer Student zugeteilt, der mir helfen solle eine andere Frage zu beantworten, die mich seit Jahren quälte:

Wer war der talmudische Rabba Bar Bar Chana?

_DSC0896_miniGehört hatte mein neuer Kumpan noch nie von diesem Rabbiner und wir machten uns in eine Bibliothek auf, die zu meiner Verwunderung am Schabbat geöffnet war. Zwar hielt mir mein neuer Freund alle möglichen hebräischen Bücher vor die Nase, wirklich hilfreich war das aber nicht. Ihm kam dann eine Idee – wenn ich wirklich etwas lernen wolle, dann solle ich heute am Abend um 17:00 in eine bestimmte Schule kommen, dort wäre ein gewisser Rabbi Breitowitz.

Ein Rabbi, der auf jede Frage, innerhalb kürzester Zeit, ohne nachdenken zu müssen eine perfekte Antwort fände.
Nach wie vor lese ich gerne chassidische Geschichten – die fast immer einen Wunderrabbi thematisieren. Würde ich heute am Abend einen solchen treffen? In jedem Fall würde ich erscheinen.

_DSC0876_miniDen Tag verbrachte ich entspannt und wollte nicht in die Altstadt gehen. Erstens hätte ich Monate später mehr Zeit dafür und zweites würde ich die Schönheit derselben nicht wertschätzen, wenn ich unter Zeitdruck bin.
Stattdessen entschied ich mich für einen Spaziergang um die Altstadt. Gleich vor den Mauern Jerusalems lag ein angenehmer Park mit einem Gebäude, das für das Jerusalemer Filmfest warb. Es war der Beginn des Gehinnomtals, das Israel im Sechstagekrieg von Jordanien eingenommen hatte. Eine Gedenktafel erinnerte daran, dass hier einst eine strenge Grenze trennte, was heute verbunden ist.

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Es fiel mir schwer, mir vorzustellen, dass Israel hier einfach „aufgehört“ hatte. Allein der Gedanke bereitete mir Unbehagen. Um mich spielten Kinder Fußball, Pärchen flanierten, ein paar arabische Frauen saßen im Schatten der Bäume und plauderten und ich schlenderte das Tal entlang.

Vor tausenden Jahren hatte genau hier der Moloch-Kult sein Zentrum. _DSC0882_miniDirekt vor den Toren der Stadt. Heute ist hier der Übergang zum arabischen Ost-Jerusalem. Obwohl die Junisonne vom Himmel brannte war mir eiskalt zumute. Waren noch hinter mir eine saubere, ruhige Stadt die sehr wohl europäischen Verhältnissen Konkurrenz machen konnte, lag vor mir plötzlich Somalia.

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_DSC0886_miniIm verdorrten Gras -das vorher doch grad eben noch grün war!- lag immer mehr Abfall. Auf der linken Straßenseite verrostete ein ausgebranntes Auto und der Wall, der sich vor mir erhob war nicht die „Apartheidsmauer“, sondern arabische Häuser. Es roch nach Rauch, einer der Anrainer, der meine Schritte kritisch aus der Ferne beobachtete verbrannte gerade Müll in seinem Garten. Bis zum tiefsten Punkt der Senke wollte ich noch – hier hatte irgendjemand mittels Holzstangen ein Gerüst aufgestellt und mit einem schwarzen Bauzaunnetz überdeckt. Auf einem Schild davor die panarabischen Farben. Innen zeigten Fotos, welch Grausamkeiten Israel anrichtete. Auf Fotos zeigten Araber mit den Fingern auf Teile von Wänden.

„Aktivistenhäuser“?

Nun ja, man bezeichne mich gerne des Hedonismus, jedoch drehte ich an diesem Punkt gerne um.

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Mea’Schearim fand ich bald und lag gut in der Zeit – es war kurz nach 15:00. Zu diesem Gebäude zu kommen mussten die zwei Stunden voll aufgebraucht werden. Die ganzen verwinkelten Gässchen bilden ein eigenwilliges Labyrinth.

Der Weg in den Dschungel

Als ich bei der vorherigen Wanderung durch die Bäume ‚gen Meer geblickt hatte war ich mir nicht sicher, ob mir meine Augen einen Streich spielten, oder ob da wirklich jemand eine Statue mitten in den Wald gebaut hatte. Aufgrund meiner Verletzung und der Hoffnungslosigkeit des Unterfangens war zwar der erste Versuch gescheitert. Die Figur hingegen behielt ich im Hinterkopf.

Heute sollte mich mein Weg zumindest zur Statue führen. Nachdem die Karte allerdings unbrauchbar war, ich einen Grünzeugschneider dabei hatte, der unbedingt getestet werden wollte tat der Motivationsüberschuss sein übriges und ich zielte darauf ab, mir eine direkte Route vom Waldbeginn gegenüber der Straße bis zur Statue zu hacken.

Die Sense leistete hervorragende Arbeit. Tatsächlich konnte ich mit ihrer Hilfe sogar verhältnismäßig dicke Äste in einem Hieb zerschneiden. Womit ich nicht gerechnet hatte war, dass sich ein schilfähnliches Buschwerk vor mir auftat, das ich ob der schieren Menge an Pflanzen nicht entfernen konnte. Gerechnet hatte ich viel mehr mit einem Dickicht ähnlich der des Vortages, doch quantitativ war hier wesentlich mehr.

Es lag weniger an meiner Ausrüstung als an der Physik – wahrscheinlich wären auch motorisierte Geräte ob des ganzen Grünzeugs stecken geblieben. Vielleicht hätte ich mit Feuer mehr Erfolg… Vorläufig war wohl ein taktischer Rückzug die beste Idee. Die Statue muss doch auch anders zu erreichen sein.

_DSC0573_mini_DSC0578_miniAls ich die Straße entlangschritt fiel mir eine Pagode auf. Rechnete ich richtig, so müsse ich in etwa ab deren Höhe Richtung Inselmitte marschieren.
Rechts vom Tempel führte ein unscheinbarer Weg genau dahin. Als ich diese Route eingeschlagen hatte, war bald in der Ferne eine Statue zu sehen. Es folgte noch eine Treppe und vor mir stand Quan The Am.

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Oftmals hatte ich Vietnamesen über sie befragt. Obgleich man mir jedes Mal etwas anderes erzählte, betonte jeder ihre Güte. Fast überall in Vietnam stehen ihr zu Ehren Statuen.
Hier überblickte sie nicht nur den Dschungel vor der Pagode, die hinter ihr errichtet wurde, sondern auch das endlos scheinende Meer.

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Die Pagode selbst war sehr schlicht gehalten. Mir liefen ein paar bellende Hunde nach, die _DSC0591_minisich jedoch wieder verkrochen als ich hinter dem Gebäude angekommen war. Hier lag – etwas verwildert ein Friedhof. Vor den normalen Gräbern lagen pyramidenförmig _DSC0606_minigeschichtete Steinhaufen. Dahinter folgten die regulären Grabsteine mit den in Vietnam häufig präsenten Swastiken, die einen Österreicher hin und wieder etwas fragend da stehen lassen…

_DSC0605_miniBis zum Ende meines Aufenthaltes konnte ich mich nicht ganz an den Anblick des Zeichens gewöhnen. In Europa wurde die Swastika ja mit derart vielen Emotionen aufgeladen, dass es unmöglich scheint, sie je wieder in dem Kontext zu verwenden, in dem sie eigentlich stand. Hier in Vietnam waren allerdings die Japaner während des 2. Weltkrieges präsenter als die Deutschen, somit würden vielleicht einige Vietnamesen in Gegenwart der japanischen Rising Sun Flag, der „Kyokujitsuki“ ähnliche Gefühle empfinden.

Der Friedhof schloss mit dem Dschungel ab. Hier stand noch eine letzte Buddhaansammlung auf einem Stein, bevor es steiler wurde und nur mehr Wald zu sehen war.
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Ein gutes Omen, um meine Dschungelwanderung zu beginnen.

Hundert Tore in eine andere Welt

Ich hatte ein wenig Angst. Jeder, der seinen Israel-Reiseführer durchgelesen hat, erfährt von Mea’Schearim. Für alle, die das (noch) nicht getan haben hier die Geschichte in Kurzform:

Mea’Schearim (Hundert Tore) ist der Teil Jerusalems (mit der meine ich nicht „der“ im Sinne von „nur dort“, sondern im Sinne von „der“ Teil), in dem die (für das „die“ hier gilt dieselbe Betonung wie für das „der“ zuvor) Ultraorthodoxen Juden leben und dieses Gebiet recht deutlich für sich beanspruchen. Fast schon könnte man es als „autonomes Gebiet“ bezeichnen.

Dann kam ich. Sandalen, Khakifarbene, lange Hose, weißes Hemd und eine weiße Samtkippa – die jedoch ob des restlichen Auftretens nicht einmal als Tarnung durchgegangen wäre – im Gegensatz zum haredischen Einheitsschwarz.

 

Beit Schalom

Beit Schalom

Mein Fahrer sprach mit einem Herrn im traditionellen Kaftan mit Hut und der gab mir zu verstehen, dass ich über den Schabbat bleiben dürfe.

Er führte mich durch die Toraschule, die den Namen „Beit Schalom“ trug und zeigte mir ein unbesetztes Zimmer. Es war etwas unaufgeräumt da die Bewohner am den Schabbat woanders verbrachten (womöglich in Hebron?).

 

Kurz darauf sollte ich auch dem Gottesdienst beiwohnen. Für mich unterschied er sich nicht von regulären orthodoxen Gottesdiensten: Ich verstand nichts und es hatte eine einmalige Atmosphäre. Was mich jedoch überraschte war, wie willkommen ich war, obwohl ich wie ein bunter Hund aus der Masse stach.

Als Gast der Schule war ich auch zum Abendessen eingeladen. Die Kantine empfahl einen traditionellen Mix aus Gefillte Fisch, diversen Krautsorten und Weißbrot.

Meine Tischnachbarn kannten sich alle und unterhielten sich auf Hebräisch oder Englisch. Mein Gegenüber war wie ich ins Essen vertieft und schließlich fingen auch wir zu plaudern an.

Er war Amerikaner und auch allgemein gut gebildet, weswegen unser Gespräch ausgezeichnet war. Wir unterhielten uns darüber, warum (Bitte verzeiht die „holprige“ Transscription, ich kenne die Frage nur akustisch – Verbesserungen sind erwünscht) in der Tora „Menitetem Bam“ geschrieben wird, aber „Menitantem Bam“ gelesen wird; ob und vor allem wie man überprüfen könne, ob die Tora von Gott gegeben wurde und über vieles andere. Der Abend verging wie im Flug und während sich die Kantine leerte sannen wir noch großen Fragen nach.

 

Leider weiß ich seinen Namen nicht mehr – jedoch verabschiedete er sich mit den Worten:“Danke für dieses Gespräch – ich hätte nicht geglaubt, hier so einen Gesprächspartner zu finden“.

 

Hin und wieder bin ich zuvor schon in orthodoxe Schabbatgottesdienste geschlittert und etwas überrascht, dass diese wesentlich – wirklich wesentlich – länger dauerten als die katholischen Sonntagsmessen. Auch, wenn die Chance einmalig war, im ultraorthodoxesten Teil Israels einem Schabbatgottesdienst beizuwohnen – verstanden hätte ich ohnehin nichts – und entschied ich mich auszuschlafen, zu duschen und mich dann gegen halb 11 herum langsam in der Synagoge einzufinden.

 

Mein Schlaf war überraschenderweise sehr gut, die Dusche hingegen… Eiskalt. Am Schabbat zu duschen ist zwar auch religiösen Juden erlaubt, jedoch nur unter 2 Bedingungen:

  1. Es handelt sich um eine Gewohnheit, die man auch an jedem anderen Tag durchführt
  2. Eiskalt

Ersteres war gut, da ich nicht allzu sehr auffiel, als ich mir im Großbad eine geschlossene Duschkabine suchte, zweiteres war weniger schön, da ich kalte Duschen hasse…

 

In der Synagoge bin ich dann um kurz vor 11 angekommen. Als ich einen Platz zum Stehen gefunden hatte… war sie beendet.

Kein Gipfel (2)

Was sich da soeben abgespielt hatte war nicht sehr anschaulich. Wahrscheinlich war ich am feuchten Felsen abgerutscht. Kratzer, eine Wunde und vermutlich ein Bruch – und das Mitten im Dschungel, genau, was ich gebraucht hatte.
Doch Überraschung! Ich konnte gehen! Erstaunlicherweise nichts gebrochen, meine Knochen waren stabiler als ich erwartet hatte.
Obgleich der Schmerz sich dann doch nicht wegleugnen ließ hätte die Situation durchaus schlechter sein können.

_DSC0035_miniFür mich zählte jetzt nur noch eines: Hier wegzukommen. Raus aus diesem Wald. Nach einigen Metern, oder waren es einige hundert Meter? Es ist nicht gerade einfach Distanzen abzuschätzen, wenn jeder Schritt beschwerlich ist und sich noch dazu kaum Anhaltspunkte in der Umgebung finden ließen. Jedenfalls erreichte ich die Umzäunung des Grundstücks der im letzten Beitrag erwähnten Bauern.

Wobei „Umzäunung“ etwas soft gewählt ist. Es handelte sich um einen verhältnismäßig hohen Stacheldrahtzaun, der sowohl mehrmals horizontal als auch vertikal verlief. Selbst mit zwei gesunden Füßen hätte ich es kaum geschafft, mich darüber zu stehlen und mein verwundeter Rechter konnte in einer denkbar besseren Verfassung sein.
Glücklicherweise stand ein Baum mit Ästen in Reichweite vergleichsweise nahe zum Zaun und ich verwendete ihn als Steighilfe.

Zwar bin ich von der Koordination her rechts orientiert, doch diesmal musste meine linke Körperhälfte den Löwenanteil tragen.

Wacklig stand ich bereits auf dem obersten Draht des Zaunes und dachte, was jetzt passieren würde, wenn ich irgendwo hängen bliebe… Zuerst würde ich mich um 180° drehen, vielleicht auch nur 130°, aufgrund meiner Größe würden die letzten 50° mit dem Gesicht am Boden schleifend zurückgelegt.

_DSC0030_miniDie Alternative wäre hier oben stehen zu bleiben und darauf zu warten, dass mein rechter Fuß das Gleichgewicht nicht mehr halten könnte und… Ich sprang.
Die Schisprung-WM hätte ich mit meinem Aushilfs-Telemark eher nicht gewonnen, doch auch wenn ich wieder in der Erde lag und langsam erkannte, warum die Vietnamesen so selten Wandern gingen – so hatte ich das ärgste Stück überstanden.

Mit meinem typischen „ist-eh-nichts-passiert“-Lächeln (Liebe Leser, es kommen noch einige solche Geschichten, nach denen ich so ein Lächeln zumeist aufsetze…) winkte ich der Familie von vorhin zu. Die Dame des Hauses sah meine Verletzung und wurde etwas blass um die Nase, während ich in dem Moment, als man mein Gesicht nicht mehr sah mit einer schmerzverzerrten Mimik weiterhumpelte.

Den Weg nach unten fand ich schneller als den Weg nach oben und war nach einigem Fußmarsch wieder auf der Hauptstraße. Zuvor hatte ich mit einem deutschen Restaurantbetreiber über mögliche Wanderausflüge gesprochen, doch war der Dschungel den regulären Strandbesuchern eher nicht zuzumuten. Trocken witzelte ich, schmutzig von der ganzen Erde, blutend mit Hämatomen übersäht: “Bedingt begehbar“.

Nach einem Schnitzel und einem Schwarzbrot sah die Welt wieder ganz anders aus. Wir Österreicher scheinen Schwarzbrot als unsere Primärenergieressource zu verwenden. Mein Mittagessen gab mir aber vor allem eines: Zeit, nachzudenken. Was ich brauchte war ein Buschmesser oder etwas Ähnliches.

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Tintenfisch war etwas leichter zu bekommen...

Tintenfisch war etwas leichter zu bekommen…

_DSC0052_miniDer hintere Teil Duong Dongs beherbergte einen breiten Markt, auf dem sich alles kaufen ließ. Außer Buschmesser.
Ohne Probleme jedoch Fischmesser, Kokosmesser, Hackmesser und seltsam geformte Hackmesser, aber keine Machete, wie ich es aus den Rambo-Filmen kannte. Deswegen fiel mein Blick auf etwas Anderes, was einerseits praktisch und andererseits auch mit meiner Größe vereinbar war:
Eine Sense.

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Mir ist bis heute unklar, was der eigentliche Herstellungszweck der meinigen war, jedoch sollte sie am nächsten Tag geprüft werden, ob sie meinen Anforderungen standhielt…

Reise nach Jerusalem

Ich hatte wirklich schon alle Hoffnung verloren, an diesem Freitag nach Jerusalem zu kommen. Der Besitzer des Wagens ließ sich nicht ausfindig machen, die ganzen Gläubigen, die sich inzwischen vor der Machpela eingefunden hatten waren wohl eher ob des Empfangs des Schabbats hier, als zu einer (Rück-)Reise nach Jerusalem.
Langsam aber sicher ließ auch die Temperatur nach, der Hitze des Tages folgte die angenehme Kühle des Abends, die mich nicht zur Ruhe kommen ließ – im Gegenteil.
Im Hintergrund fanden sich immer mehr Soldaten ein, sodass ich schon fast dort nachgefragt hätte, ob jemand am Schabbat frei bekommen wird – jedoch – wie aus dem Nichts hielt plötzlich ein Auto vor mir.

„Du bist der, der nach Jerusalem möchte?“ fragte der Fahrer in schlechtem Englisch. Ohne überhaupt zu verstehen, was das bedeutete, bejahte ich sicherheitshalber. Als ich „Jerusalem“ hörte und das Fahrzeug in meinem Blickfeld hatte, war der ganze Rest ausgeblendet.

Er deutete auf den Beifahrersitz und zeigte, dass ich doch einsteigen solle.
Während der Fahrt kam die Unterhaltung wie ich sehr bedaure nicht ganz in Gang, meine Retter sprachen nur sehr wenig Englisch. Am Rücksitz saßen noch zwei züchtig gekleidete junge Frauen. Ob ich denn jemanden in Jerusalem kenne, wollte der Fahrer wissen. Mir fiel nur mein Vorgänger in Yad Vashem ein. Seine Nummer hatte ich und rief ihn auf der Fahrt mehrmals an. Kein Erfolg.

Wie sich später herausstellte war er gerade irgendwo demonstrieren…
„Dann habe ich wohl niemanden, in Jerusalem“, meinte ich resignierend „ich werde mir wohl irgendein billiges Hostel nehmen“. Der Fahrer machte eine ablehnende Geste – er kenne etwas „Keine Sorge“.

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An einigen Brücken und Tunnels war schon wieder dieses Portrait eines älteren Herrn mit Hut hinaufplakatiert worden, ich hatte das schon so oft gesehen! Natürlich alles auf Hebräisch, das ich damals weder verstand, noch lesen konnte.
Die Israelis würden das sicher verstehen, was das bedeutete! Seine Jünger klebten es ohnehin auf jede mögliche oder unmögliche Wand, also war es nur eine Frage der Zeit bis es wieder… „Was bedeutet der alte Mann da“ fragte ich in meinem einfachsten Englisch, auf das Poster zeigend.

Die beiden Mädels hinten lachten herzlich auf, berieten sich kurz und entschieden der Einfachheit halber zu sagen, „Nobody, hihi, forget him“. Was meine Neugierde alles Andere als befriedigte.

Der Lubawitscher Rebbe

Der Lubawitscher Rebbe

Erst später habe ich erfahren, dass es der Messias sein sollte, oder einer der ganzen Messiase. Es gibt noch mindestens einen anderen, jüngeren in Tel Aviv der wesentlich unfreundlicher dreinschaut als der gute Rabbi Schneerson.
Um uns herum wurde es immer dunkler, die Städte größer und auf einmal tauchte auch die berüchtigte „Apartheidsmauer“ auf. Zumindest denke ich, dass sie es war. Sie sah genauso aus, wie die Straßenabsperrung auf der Autobahnzufahrt Wien-Süd. Auch war sie etwas kürzer als Mauer in meiner Heimat.

Ob der Wall, der die burgenländischen Autofahrer davon abhält einfach so von überall auf die Autobahn aufzufahren (die Österreicher hier werden den Witz verstehen…) ebenso eifrig von der Weltpresse debattiert wurde, wie das Stückerl hier in Israel konnte ich mangels Presseberichten zum Ersteren nicht recherchieren.

Es war absehbar, dass die nächste Stadt Jerusalem sein würde. Das Erste, was ich von der „Stadt von Gold“, wie sie in einem Lied beschrieben wird gesehen habe hatte mich eher an eine etwas größere Stadt in Mittelitalien erinnert.
Es scheint, als ob selbst die möglicherweise Heiligste aller Städte wie eine etwas größere Stadt in Mittelitalien wirkt, wenn man sie aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.
Wo ich übernachten würde wusste ich noch gar nicht. „Kennst du Mea’Schearim?“ fragte der Fahrer. Natürlich hatte auch mein Reiseführer vom „letzten Stedtl“ geschrieben, vom Ort, wo die Charedim leben, dem Gebiet, wo… „Ich bring dich nach Mea’Schearim“.
„Ja, sicher“ lachte ich auf, „natürlich“.

Als wirklich von einer Sekunde auf die Andere überall Ultraorthodoxe herumliefen, blieb mir das Lachen etwas im Hals Stecken. Wir hielten vor einer Talmudschule.