Kein Gipfel (2)

Was sich da soeben abgespielt hatte war nicht sehr anschaulich. Wahrscheinlich war ich am feuchten Felsen abgerutscht. Kratzer, eine Wunde und vermutlich ein Bruch – und das Mitten im Dschungel, genau, was ich gebraucht hatte.
Doch Überraschung! Ich konnte gehen! Erstaunlicherweise nichts gebrochen, meine Knochen waren stabiler als ich erwartet hatte.
Obgleich der Schmerz sich dann doch nicht wegleugnen ließ hätte die Situation durchaus schlechter sein können.

_DSC0035_miniFür mich zählte jetzt nur noch eines: Hier wegzukommen. Raus aus diesem Wald. Nach einigen Metern, oder waren es einige hundert Meter? Es ist nicht gerade einfach Distanzen abzuschätzen, wenn jeder Schritt beschwerlich ist und sich noch dazu kaum Anhaltspunkte in der Umgebung finden ließen. Jedenfalls erreichte ich die Umzäunung des Grundstücks der im letzten Beitrag erwähnten Bauern.

Wobei „Umzäunung“ etwas soft gewählt ist. Es handelte sich um einen verhältnismäßig hohen Stacheldrahtzaun, der sowohl mehrmals horizontal als auch vertikal verlief. Selbst mit zwei gesunden Füßen hätte ich es kaum geschafft, mich darüber zu stehlen und mein verwundeter Rechter konnte in einer denkbar besseren Verfassung sein.
Glücklicherweise stand ein Baum mit Ästen in Reichweite vergleichsweise nahe zum Zaun und ich verwendete ihn als Steighilfe.

Zwar bin ich von der Koordination her rechts orientiert, doch diesmal musste meine linke Körperhälfte den Löwenanteil tragen.

Wacklig stand ich bereits auf dem obersten Draht des Zaunes und dachte, was jetzt passieren würde, wenn ich irgendwo hängen bliebe… Zuerst würde ich mich um 180° drehen, vielleicht auch nur 130°, aufgrund meiner Größe würden die letzten 50° mit dem Gesicht am Boden schleifend zurückgelegt.

_DSC0030_miniDie Alternative wäre hier oben stehen zu bleiben und darauf zu warten, dass mein rechter Fuß das Gleichgewicht nicht mehr halten könnte und… Ich sprang.
Die Schisprung-WM hätte ich mit meinem Aushilfs-Telemark eher nicht gewonnen, doch auch wenn ich wieder in der Erde lag und langsam erkannte, warum die Vietnamesen so selten Wandern gingen – so hatte ich das ärgste Stück überstanden.

Mit meinem typischen „ist-eh-nichts-passiert“-Lächeln (Liebe Leser, es kommen noch einige solche Geschichten, nach denen ich so ein Lächeln zumeist aufsetze…) winkte ich der Familie von vorhin zu. Die Dame des Hauses sah meine Verletzung und wurde etwas blass um die Nase, während ich in dem Moment, als man mein Gesicht nicht mehr sah mit einer schmerzverzerrten Mimik weiterhumpelte.

Den Weg nach unten fand ich schneller als den Weg nach oben und war nach einigem Fußmarsch wieder auf der Hauptstraße. Zuvor hatte ich mit einem deutschen Restaurantbetreiber über mögliche Wanderausflüge gesprochen, doch war der Dschungel den regulären Strandbesuchern eher nicht zuzumuten. Trocken witzelte ich, schmutzig von der ganzen Erde, blutend mit Hämatomen übersäht: “Bedingt begehbar“.

Nach einem Schnitzel und einem Schwarzbrot sah die Welt wieder ganz anders aus. Wir Österreicher scheinen Schwarzbrot als unsere Primärenergieressource zu verwenden. Mein Mittagessen gab mir aber vor allem eines: Zeit, nachzudenken. Was ich brauchte war ein Buschmesser oder etwas Ähnliches.

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Tintenfisch war etwas leichter zu bekommen...

Tintenfisch war etwas leichter zu bekommen…

_DSC0052_miniDer hintere Teil Duong Dongs beherbergte einen breiten Markt, auf dem sich alles kaufen ließ. Außer Buschmesser.
Ohne Probleme jedoch Fischmesser, Kokosmesser, Hackmesser und seltsam geformte Hackmesser, aber keine Machete, wie ich es aus den Rambo-Filmen kannte. Deswegen fiel mein Blick auf etwas Anderes, was einerseits praktisch und andererseits auch mit meiner Größe vereinbar war:
Eine Sense.

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Mir ist bis heute unklar, was der eigentliche Herstellungszweck der meinigen war, jedoch sollte sie am nächsten Tag geprüft werden, ob sie meinen Anforderungen standhielt…

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