Hundert Tore in eine andere Welt

Ich hatte ein wenig Angst. Jeder, der seinen Israel-Reiseführer durchgelesen hat, erfährt von Mea’Schearim. Für alle, die das (noch) nicht getan haben hier die Geschichte in Kurzform:

Mea’Schearim (Hundert Tore) ist der Teil Jerusalems (mit der meine ich nicht „der“ im Sinne von „nur dort“, sondern im Sinne von „der“ Teil), in dem die (für das „die“ hier gilt dieselbe Betonung wie für das „der“ zuvor) Ultraorthodoxen Juden leben und dieses Gebiet recht deutlich für sich beanspruchen. Fast schon könnte man es als „autonomes Gebiet“ bezeichnen.

Dann kam ich. Sandalen, Khakifarbene, lange Hose, weißes Hemd und eine weiße Samtkippa – die jedoch ob des restlichen Auftretens nicht einmal als Tarnung durchgegangen wäre – im Gegensatz zum haredischen Einheitsschwarz.

 

Beit Schalom

Beit Schalom

Mein Fahrer sprach mit einem Herrn im traditionellen Kaftan mit Hut und der gab mir zu verstehen, dass ich über den Schabbat bleiben dürfe.

Er führte mich durch die Toraschule, die den Namen „Beit Schalom“ trug und zeigte mir ein unbesetztes Zimmer. Es war etwas unaufgeräumt da die Bewohner am den Schabbat woanders verbrachten (womöglich in Hebron?).

 

Kurz darauf sollte ich auch dem Gottesdienst beiwohnen. Für mich unterschied er sich nicht von regulären orthodoxen Gottesdiensten: Ich verstand nichts und es hatte eine einmalige Atmosphäre. Was mich jedoch überraschte war, wie willkommen ich war, obwohl ich wie ein bunter Hund aus der Masse stach.

Als Gast der Schule war ich auch zum Abendessen eingeladen. Die Kantine empfahl einen traditionellen Mix aus Gefillte Fisch, diversen Krautsorten und Weißbrot.

Meine Tischnachbarn kannten sich alle und unterhielten sich auf Hebräisch oder Englisch. Mein Gegenüber war wie ich ins Essen vertieft und schließlich fingen auch wir zu plaudern an.

Er war Amerikaner und auch allgemein gut gebildet, weswegen unser Gespräch ausgezeichnet war. Wir unterhielten uns darüber, warum (Bitte verzeiht die „holprige“ Transscription, ich kenne die Frage nur akustisch – Verbesserungen sind erwünscht) in der Tora „Menitetem Bam“ geschrieben wird, aber „Menitantem Bam“ gelesen wird; ob und vor allem wie man überprüfen könne, ob die Tora von Gott gegeben wurde und über vieles andere. Der Abend verging wie im Flug und während sich die Kantine leerte sannen wir noch großen Fragen nach.

 

Leider weiß ich seinen Namen nicht mehr – jedoch verabschiedete er sich mit den Worten:“Danke für dieses Gespräch – ich hätte nicht geglaubt, hier so einen Gesprächspartner zu finden“.

 

Hin und wieder bin ich zuvor schon in orthodoxe Schabbatgottesdienste geschlittert und etwas überrascht, dass diese wesentlich – wirklich wesentlich – länger dauerten als die katholischen Sonntagsmessen. Auch, wenn die Chance einmalig war, im ultraorthodoxesten Teil Israels einem Schabbatgottesdienst beizuwohnen – verstanden hätte ich ohnehin nichts – und entschied ich mich auszuschlafen, zu duschen und mich dann gegen halb 11 herum langsam in der Synagoge einzufinden.

 

Mein Schlaf war überraschenderweise sehr gut, die Dusche hingegen… Eiskalt. Am Schabbat zu duschen ist zwar auch religiösen Juden erlaubt, jedoch nur unter 2 Bedingungen:

  1. Es handelt sich um eine Gewohnheit, die man auch an jedem anderen Tag durchführt
  2. Eiskalt

Ersteres war gut, da ich nicht allzu sehr auffiel, als ich mir im Großbad eine geschlossene Duschkabine suchte, zweiteres war weniger schön, da ich kalte Duschen hasse…

 

In der Synagoge bin ich dann um kurz vor 11 angekommen. Als ich einen Platz zum Stehen gefunden hatte… war sie beendet.

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