Mein erster Tag in Jerusalem

Der Student, der es mir erlaubt hatte, in der Beit Schalom zu verweilen war Schweizer und wir konnten uns auf Deutsch unterhalten.

Die Situation war merkwürdig – einerseits hatte ich einen westlich gebildeten Menschen vor mir – andererseits sprach ich zum ersten Mal mit einem Haredim. So ganz warm wurden wir nicht miteinander und er begann zu erzählen, dass der Staat Israel auch sehr ungerecht sein kann. So hatten vor ein paar Tagen tausende Ultraorthodoxe demonstriert – der Staat Israel hatte illegale Schulen geschlossen, die die Kinder indoktrinierten.
In diesem Moment ging mir das Herz auf – so schlimm waren die doch gar nicht! Wenn sie dafür auf die Straßen gingen, dass in diesem schönen Land Rechtsstaatlichkeit herrschte und eine adäquate Schulbildung für alle Kinder verpflichtet wurde – wo sonst kommt das vor? Das war großartig.

Mein plötzlicher Eifer fiel jedoch wie ein Soufflé zusammen, als mir mein Gegenüber empört erzählte, dass der Staat kein Recht hatte, ihnen ihre Schulen zu verbieten und man noch mehr Gläubige aufbringen werde und ob ich nicht mitdemonstrieren wolle.
Für das Angebot dankte ich und würde bei Bedarf darauf zurückkommen, jedoch musste ich jetzt weiter… Mir wurde ein anderer Student zugeteilt, der mir helfen solle eine andere Frage zu beantworten, die mich seit Jahren quälte:

Wer war der talmudische Rabba Bar Bar Chana?

_DSC0896_miniGehört hatte mein neuer Kumpan noch nie von diesem Rabbiner und wir machten uns in eine Bibliothek auf, die zu meiner Verwunderung am Schabbat geöffnet war. Zwar hielt mir mein neuer Freund alle möglichen hebräischen Bücher vor die Nase, wirklich hilfreich war das aber nicht. Ihm kam dann eine Idee – wenn ich wirklich etwas lernen wolle, dann solle ich heute am Abend um 17:00 in eine bestimmte Schule kommen, dort wäre ein gewisser Rabbi Breitowitz.

Ein Rabbi, der auf jede Frage, innerhalb kürzester Zeit, ohne nachdenken zu müssen eine perfekte Antwort fände.
Nach wie vor lese ich gerne chassidische Geschichten – die fast immer einen Wunderrabbi thematisieren. Würde ich heute am Abend einen solchen treffen? In jedem Fall würde ich erscheinen.

_DSC0876_miniDen Tag verbrachte ich entspannt und wollte nicht in die Altstadt gehen. Erstens hätte ich Monate später mehr Zeit dafür und zweites würde ich die Schönheit derselben nicht wertschätzen, wenn ich unter Zeitdruck bin.
Stattdessen entschied ich mich für einen Spaziergang um die Altstadt. Gleich vor den Mauern Jerusalems lag ein angenehmer Park mit einem Gebäude, das für das Jerusalemer Filmfest warb. Es war der Beginn des Gehinnomtals, das Israel im Sechstagekrieg von Jordanien eingenommen hatte. Eine Gedenktafel erinnerte daran, dass hier einst eine strenge Grenze trennte, was heute verbunden ist.

_DSC0879 - _DSC0880_mini

Es fiel mir schwer, mir vorzustellen, dass Israel hier einfach „aufgehört“ hatte. Allein der Gedanke bereitete mir Unbehagen. Um mich spielten Kinder Fußball, Pärchen flanierten, ein paar arabische Frauen saßen im Schatten der Bäume und plauderten und ich schlenderte das Tal entlang.

Vor tausenden Jahren hatte genau hier der Moloch-Kult sein Zentrum. _DSC0882_miniDirekt vor den Toren der Stadt. Heute ist hier der Übergang zum arabischen Ost-Jerusalem. Obwohl die Junisonne vom Himmel brannte war mir eiskalt zumute. Waren noch hinter mir eine saubere, ruhige Stadt die sehr wohl europäischen Verhältnissen Konkurrenz machen konnte, lag vor mir plötzlich Somalia.

_DSC0885_mini

_DSC0886_miniIm verdorrten Gras -das vorher doch grad eben noch grün war!- lag immer mehr Abfall. Auf der linken Straßenseite verrostete ein ausgebranntes Auto und der Wall, der sich vor mir erhob war nicht die „Apartheidsmauer“, sondern arabische Häuser. Es roch nach Rauch, einer der Anrainer, der meine Schritte kritisch aus der Ferne beobachtete verbrannte gerade Müll in seinem Garten. Bis zum tiefsten Punkt der Senke wollte ich noch – hier hatte irgendjemand mittels Holzstangen ein Gerüst aufgestellt und mit einem schwarzen Bauzaunnetz überdeckt. Auf einem Schild davor die panarabischen Farben. Innen zeigten Fotos, welch Grausamkeiten Israel anrichtete. Auf Fotos zeigten Araber mit den Fingern auf Teile von Wänden.

„Aktivistenhäuser“?

Nun ja, man bezeichne mich gerne des Hedonismus, jedoch drehte ich an diesem Punkt gerne um.

_DSC0888_mini

Mea’Schearim fand ich bald und lag gut in der Zeit – es war kurz nach 15:00. Zu diesem Gebäude zu kommen mussten die zwei Stunden voll aufgebraucht werden. Die ganzen verwinkelten Gässchen bilden ein eigenwilliges Labyrinth.

Kommentar verfassen