Fragestunde mit Rabbi Breitowitz

Die Stadt der 100 Tore ist nicht bloß ein religiöses Viertel Jerusalems, sondern auch eine Art integriertes Stadtlabyrinth. Farben aus israelischem Nahost, Struktur aus dem chassidischen Polen und für einen westlichen Europäer fühlten sich die Leute wie außerirdische an. Tatsächlich habe ich über zwei Stunden benötigt, um bis zu der Jeschiwa zu kommen, die man mir am Morgen empfohlen hat.

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Die erste Frage betraf Kashrut, die jüdischen Speisegesetze, Rabbi Breitowitz begann einen interessanten Monolog darüber, dass die Trennung von fleischigem und milchigem nicht immer genau definiert ist und einige Fragen offen lässt.

 

Hier möchte ich einen Teil der Diskussionsrunde wiedergeben – teilweise wurden Fragen gestellt und beantwortet, wie ich sie in keinem Judentum-Büchlein vorgefunden hätte.

 

Frage: Orthodoxe Juden laufen heute in einer Art eigenen Tracht herum, die als „jüdisch“ gilt. Vor 200 Jahren wurde diese Kleidung aber von den polnischen Nichtjuden getragen. Warum tragen die Juden heute die Kleidung der Nichtjuden?

Antwort von Rabbi Breitowitz (tatsächlich innerhalb von Sekunden): Die Kleidung dient als eine Art „Uniform“. Um Zugehörigkeit zu symbolisieren und die Gruppe damit zu stärken. Es ist auch beim Militär sehr wichtig, dass man anhand der Uniform sieht, welcher Einheit ein Soldat zugehörig ist. Jedoch – diese Uniform darf nur dazu verwendet werden um jemanden in die Gruppe einzuschließen. Sollte sie dazu verwendet werden jemanden auszuschließen… Der Zweite Tempel.

Frage: Im Judentum gibt es sehr viele verschiedene Strömungen, die auch (teils sehr) verschiedene Gesetze haben. Gibt es so etwas wie „die Richtige“ Strömung?

Antwort: Hinter jeder Strömung steckt eine eigene Philosophie, über die sich viele Rabbiner gestritten und darüber diskutiert haben.
Das Judentum ist kein chinesisches Menü, in dem man aschkenasisch lebt, die Pessah-Regeln der Sepharden übernimmt und auch ein bisschen was von persischen und tunesischen Juden einstreut. Wenn man nach einer Strömung leben will, dann soll man auch nur nach dieser leben.

Frage: Ich habe mich mit Religionsbeweisen beschäftigt und habe herausgefunden, dass es angeblich im Koran welche gibt. Wenn man im Judentum danach suchen will, findet man aber verschiedene Arten der Tora, beispielsweise die Schriften von Qumran, die sich von der heutigen Tora um 4-5% unterscheiden oder auch die sechs Unterschiede zwischen der Tora der Sepharden und der der Aschkenasen. Welche sollte man zurate ziehen?

Antwort: Es gibt die Geschichte, dass Moses am letzten Tag seines Lebens je eine Tora für jeden der zwölf Stämme Israels geschrieben hat und dass diese Versionen prinzipiell alle gleich waren, jedoch minimale Unterschiede hatten (andere, mehr oder weniger Buchstaben). Somit hatte jeder Stamm seine Version, die für ihn gültig war. Diese Unterschiede werden bemerkbar, sobald man die Tora mithilfe der Kabbalah erforscht.
Da es die Stämme heute nicht mehr gibt geht man entweder davon aus, dass die heutigen Versionen für die heutigen Gruppierungen gedacht sind, oder dass sie übernommene Versionen der früheren Varianten sind.

Diese 12 Varianten hat Moses, so wird erzählt am letzten Tag seines Lebens geschrieben. Moses ist allerdings an einem Schabbat gestorben. Am Schabbat ist Schreiben aber verboten. Was hat er gemacht?
Weiß man nicht – vielleicht hat er den Stift mithilfe der Kabbalah zum Schreiben gebracht. Darüber scheiden sich die Geister.
Interessant ist auch dabei, dass überliefert wird, dass der Tempel von Jerusalem 13 Eingänge hatte. Einen Eingang für jeden Nachkommen eines Stammes. Und der 13? Der 13. war für Juden, die nicht wussten, welchen Stamm sie angehörten.

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