Archiv für den Monat: Februar 2014

Stadt der Göttin der Gerüche

Nach Phu Quoc war ich über Rach Gia gekommen. Die Stadt blieb mir nicht sehr gut in Erinnerung. Sie war zu groß und das Geld der Touristen war lieber gesehen als die Menschen.

Auf einer der vielen Seekarten in den Phu Quocer Reisebüros war eine weitere, günstigere Route abgebildet – nach Ha Tien. Ein Versuch, diesen Ort auszuloten konnte nicht schaden und während die Hinreise in der ersten Klasse erfolgte, verlief die Rückreise in einem äußerst wackeligen Boot auf Holzbänken und mir unverständlichem parallel laufenden Fernsehsendungen.

_DSC0984_miniSpäter sollte sich noch herausstellen, dass auch der Name der Stadt beispielhaft für die vielen Töne der Vietnamesischen Sprache war. Ein ungeübter Europäer kann die Tonhöhen kaum unterscheiden.

Je nach Aussprache definiert „Ha Tien“ entweder das Wort „Galaxie“, den Ausspruch „ich habe kein Geld“ oder eben den Name der Stadt, der sich auf eine bestimmte Göttin zurückführen lässt.

 

Berg mit Tempel nahe der Grenze

Berg mit Tempel nahe der Grenze

Ich mochte die Stadt von Anfang an. Sie war eine kleine, gemütliche Grenzstadt, die Gäste aus dem nur einen Steinwurf entfernten Kambodscha mit kostenlosen Visa köderte. Wenn man nicht aufpasste, so hätte man ob dieser Distanz außerhalb versehentlich die Grenze überqueren können.

 

Ein Motorradtaxifahrer brachte mich über die Brücke in die Innenstadt. Ein Hotel direkt gegenüber des Marktes schien mir passend und ich wollte einmal ein paar Tage nachdenken, was ich denn arbeiten könne.

Das günstigste Zimmer hatte kein Fenster und ein hochfeuchtes Badezimmer. Im Moment war mir der fensterlose Raum sogar recht – die Dunkelheit erlaubte mir einen angenehmeren Schlaf. Doch der beißende Geruch im Zimmer war nicht wegleugenbar. Woher kannte ich den nur…

 

Zuerst war ein Putzmittel im Generalverdacht, doch die Intensität ließ an manchen Stellen nach. Es musste sich um Naphtalin handeln. Leider wird dieses Gift noch in einigen Teilen der Welt als Waffe gegen Ungeziefer eingesetzt, obwohl es gänzlich nutzlos ist und für Kinder sogar eine Gefahr darstellt. Mit meiner feinen Nase litt ich besonders darunter.

 

An das Schlafen war nicht mehr zu denken, trotz Müdigkeit. Drei Mal durchforstete ich das Zimmer, fand nichts, legte mich wieder ins Bett, rotierte um die eigene Achse, suchte abermals und blieb erfolglos.

Im Vergleich zum Menschen nutzen Tiere ihre olfaktorische Wahrnehmung primär – nicht die Augen. Angeblich ist der Mensch jedoch in der Lage seinen Geruchssinn genauso effizient einzusetzen wie ein Tier – hatten Experimente mit Schokolade belegt (vgl. http://www.stern.de/wissen/mensch/geruchssinn-die-schoko-schnueffler-578766.html). Sollte das korrekt sein, so wäre das ein guter Moment die Ergebnisse im Selbstversuch zu verifizieren. Mit geschlossenen Augen schnüffelte ich nach der Naphtalinquelle. Geradeaus, rechts, links – nein, mehr rechts, wieder gerade, rechts – zu weit, zurück… Die Türe? Kam das von draußen?

Der Flur war weitgehend geruchsneutral. Also wieder retour. Nirgends war der Gestank so stark wie an der Türe. Die Augen nutzend achtete ich jetzt mehr auf Details. Tatsächlich fand sich jetzt ein türkises Stück Plastik, das in der Garderobe hing. Es war doch kein Türhänger, sondern die Quelle des aromatischen Toxins.

Naphtalin

Naphtalin

Im Flur entsorgte ich den Raumverpester in einem Müllkübel und legte mich schlafen. Es funktionierte.

Erfrischt war die Stadt viel interessanter, allen voran der Markt direkt vorm Hotel – weniger wegen der Architektur als dem Hunger, der an mir zu nagen begann. Touristen kannte man hier kaum, weswegen das Mittagessen für den „Einheimischentarif“ zu haben war. Eine Suppe, Fleisch, ein wenig Gemüse und Reis.

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Nachdenklich starrte ich auf die Fassaden der Häuser gegenüber vom Markt, dachte nach und ging den Markt durch – erst jetzt fiel mir ein Herr auf, der dort saß. Er musste in seinen 50ern sein, hatte blondgraue Haare und war höchstwahrscheinlich kein Vietnamese (was unschwer an seiner Hautfarbe abzulesen war). Das Essen war noch nicht serviert, ich stand auf, schritt zu ihn und fragte ob hier noch frei sei – was er bejahte.

 

Wir kamen ins Gespräch, während ich zu Mittag aß und es stellte sich heraus, dass er ein Holländischer Programmierer war. Irgendwie hatte ich Freundschaft mit jemandem aus meinem Berufsstande geschlossen, noch dazu ebenfalls aus Europa. Über 10.000km von meiner Heimat entfernt…

Zurück zum Bauernhof

Alltägliche Arbeit im Touristenzentrum des Mitzpe Ramon

Alltägliche Arbeit im Touristenzentrum des Mitzpe Ramon

Mein neuer Freund war mit seinen Erledigungen fertig geworden, benötigte aber länger als geplant. Mit einem gestressten „Ok, yalla bye“ verabschiedete sich Eitan im Gehen von seinen Kollegen.

 

Sowas müsste ich auch sagen können dachte ich bei mir und rief zurück:

„Ani yalla gam“

Man sah mich einen Moment an und brach in schallendes Gelächter aus. Hatte ich etwas falsch gemacht?

„Ani“ heißt „ich“.

„Gam“ heißt „auch“.

„Yalla“ heißt doch „gehen“?

 

Eitan musste etwas mit sich ringen, um wieder zur Fassung zu kommen und wollte wissen, was ich sagen möchte. „’Ich gehe auch‘. Und ‚yalla‘ kann man doch mit ‚gehen‘ übersetzen?“

 

„Ja! Aber nur, wenn du Beduine bist und deinem Kamel zurufst, dass sich bewegen soll!“ lachte er auf „’Yalla‘ heißt gar nichts, das sagt man einfach nur. Genausogut hättest du sagen können, dass du Eseltreiber bist“

 

Richtig… Eine goldene Stunde der Übersetzung lag hinter mir, aber immerhin waren 2/3 meines Satzes korrekt und ich durfte etwas dazulernen.

 

_DSC0097_mini_DSC0102_miniEitan erreichte inzwischen eine wahre Zeitnot und entschuldigte sich bei mir, dass er mich weiter weg von Kziot herauslassen müsse. Kein Problem, dann soll es eben der Bus sein. Wir verabschiedeten uns und ich radelte zur Haltestelle. Während des Wartens merkte ich dass mir das Wasser ausgeronnen war; dachte nach und erblickte einen Armeeposten gleich in der Nähe.

 

Mit dem Fahrrad rollte ich auf den Eingang zu und winkte der Wache, die mich unschlüssig ansah. Auf Englisch fragte ich nach Wasser und hielt eine Flasche hin. Der Jugendliche Soldat, der kaum älter als ich war nahm sie etwas unsicher, ging in die Wachstube und hatte sie aufgefüllt.

„Toda raba“.

 

Wer noch nie in Israel war kann sich kaum vorstellen, wie unproblematisch der Umgang mit Uniformierten hier ist. Wenn das nur in allen Ländern der Welt so wäre…

 

Der Bus fuhr ein und der Fahrer erklärte dass ich einmal umsteigen müsse, was nach ein paar Minuten Fahrt auch passierte.

 

Dann behinderte ein kleiner Fehler das Weiterkommen:

_DSC0098_miniKaum ein Busfahrer kannte den Ort Beer Milka – immerhin hatte diese Siedlung keine Busanbindung. Daher gab ich meist die nahe Endstation Nitsana an. Diesen Namen konnte ich mir aber schlecht merken – ich hatte immer noch eine Art „Ivrit-Overkill“ und machte oftmals „Nitsanea“ daraus, was keinen Sinn ergab. Wenn der Busfahrer schlecht gelaunt war antwortete er ob sein Fahrzeug dahin ginge mit einem „Nein“ und ich konnte nur raten, ob die Antwort ihren Ursprung in der Route oder in der Frage hatte.

 

Vermutlich hatte sich gerade der Nitsana-Busfahrer verabschiedet.

Der letzte für heute.

 

_DSC0105_miniAls Alternative blieb zumindest der kostenfreie Privattransport durch Dritte.

Erstmalig in meiner Anhalter-Karriere stoppte ein Audi-Fahrer, der sich jedoch wieder entschuldigend verabschiedete als er merkte, dass mein Fahrrad nicht in seinen Kofferraum passte.

 

Ob Golan weiterhelfen konnte? Ich rief ihn an und fragte, ob es möglich sei, mich abzuholen. Ihm war es zu weit, aber er versprach, sich etwas einfallen zu lassen. Tatsächlich klingelte keine zehn Minuten später mein Handy. Ja, gleich komme jemand, teilte er mir mit.

 

Eine Freundin von ihm hatte in Beer Scheba zu tun und war gerade auf dem Heimweg, als er sie erreicht hatte. Ihr Weg ging ohnehin über diese Haltestelle (oder war nur ein kleiner Umweg), weswegen sie mich (und mein Bike) gerne mitnahm (sie besaß einen Pick Up).

 

Während der Fahrt sprachen wir über Dieses und Jenes und kamen auch auf Tirol. Ich erzählte vom Südtirol-Konflikt, der ja bis heute noch nicht ganz abgeklungen ist.

1918 annektierte Italien aufgrund des Kriegsausgangs und der Unfähigkeit des amerikanischen Präsidenten Land, in dem die Mehrheitssprache Deutsch war.

Unter Hitler sollten die deutschen Südtiroler entweder Italiener werden oder ihre Heimat verlassen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg führten mehrere separatistische Gruppen Anschläge auf Polizeistationen und Zuggeleise durch, wobei sich Österreich und Italien sich immer wieder in diplomatische Scharmützel stürzten. Erst, als Österreich 1995 der EU beitreten wollte kam es zu etwas Ähnlichem wie einem Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern. Doch gelöst ist das Problem noch lange nicht…

 

Die Fahrerin hatte bis dato von diesem territorialen Konflikt wenig gehört und lauschte den Worten sehr überrascht. Irgendwann schüttelte sie ungläubig den Kopf und meinte: „Und dieses Europa schimpft mit uns…“

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Gite Jidn in der Wüste

So wunderschön Israel auch war, so Kraft raubend waren diese zweitägigen Reisen, die ich immer unternommen habe. Einfach ruhig daheim zu bleiben schaffte ich auch nicht. Also fragte ich Golan, ob er nicht eine Idee für mich hätte.

 

_DSC0015_miniIn der Nähe von Kziot existierten es noch bauliche Überbleibsel aus der osmanischen Zeit. Ein alter Wasserturm beispielsweise – und wenn ich mich anstrengte fände ich sicher noch ein paar andere interessante Sachen. Golan wusste, dass ich mich sehr für Geschichte interessierte; für mich stand die Route schon ab dem Wort „Wasserturm“ schon fix.

 

_CSC0021_miniAm nächsten Morgen begann ich den Tag früh auf und radelte bis nach Beer Milka. Ab heizte die israelische Hitze in ihrer gewohnten Intensität – glücklicherweise war mir die israelische Armee ein Vorbild und mein Wasserbehälter war stets griffbereit.

 

_DSC0004_miniAb der Hauptstraße reflektierte der Asphalt die Sonne noch stärker und vor der Kreuzung zum nächsten Yeschuf hielt ich eine Hydrierpause. Ein für diese Jahreszeit unbequem bekleideter Herr schaute hier vor seinem Auto in die Gegend und ich fragte ihn auf Englisch ob ich ihm irgendwie helfen könne. Er erwiderte, dass alles gut sei und aufgrund seines Akzentes fragte ich, auf Deutsch nach, ob er denn auch meine Muttersprache beherrsche. Etwas erstaunt, dass dieser seltsame Wüstenstraßenradfahrer auch Deutsch konnte hatte er sich wohl bei seiner Antwort ein wenig versprochen, weswegen ich im Gegensatz zu seiner ersten Response diese missverstand und für Jiddisch hielt. Ejn giter Jidde mog jo euch Deitsch varschtejn.

Der Dialekt meiner Region ist etwas älter, weswegen ich mir mit dem Verständnis von Jiddisch sehr leicht tue. Mit etwas Mühe und noch mehr Phantasie, wie sich die Laute wohl beugten konnte ich es in Grenzen auch aktiv sprechen:“Oy, du rejdest Jiddisch?“ rief ich ihm zu.

 

Was er mit einem schiefen Blick konterte:“Ich spreche Deutsch!“ – zumindest hatte ich das Eis gebrochen (was bei der Hitze nicht schwer war… ha ha ha…)

Eitan hieß der Kollege und er wollte sich hier in der Region Land kaufen, um medizinische Kräuter anzubauen. Der nordwestliche Negev war verhältnismäßig „kalt“ und für wählerische Pflänzchen somit gerade richtig. Er war auf dem Weg in die nächste Siedlung und wollte dann zum Mitzpe Ramon. Der solle ja wirklich schön sein entgegnete ich – worauf er mich einlud, mitzukommen – und ich zusagte, mein Fahrrad in den Kofferraum quetschte und wir in den Yeschuf fuhren.

 

Die Regel „niemals bei Fremden einsteigen“ gilt in Südisrael nicht, da alle Menschen, die einen mitnehmen nett sind.

 

Leere Cafés sind in Nahost ein sehr seltener Anblick

_DSC0024_miniDer Yeschuf war allerdings nahezu menschenleer. Die, die immer da waren hatten wohl gerade Mittagspause, selbst im Café fand sich kein Einziger und mein neuer Freund fand die für das Land zuständigen nicht. Zumindest erklärte ihm jemand, dass dieser kleine Ort nicht von der Landwirtschaft lebte wie bspw. Beer Milka gleich um die Ecke._DSC0026_mini

 

_DSC0027_miniFür mich war das ein Glück – damit sollte ich diesen riesigen Krater eher sehen. Bis dahin wusste ich nicht, dass entlang der Grenze zu Ägypten eine Straße verlief. Sie war zwar nicht so großzügig ausgebaut wie die Haupstaße des Negev weswegen ich vermutete, dass sie ursprünglich für militärische Zwecke konzipiert war. Im Gegensatz zur Hauptroute kamen hier die Eigenheiten der Region stärker zum tragen. Die auf der ägyptischen Seite stehenden veralteten Polizeistationen, denen der Zahn der Zeit zusetzte, die Kurven in den Gebirgszügen und die unendlichen Weiten dieser grandiosen und gleichzeitig gnadenlosen Landschaft.

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Mizpe Ramon

Mizpe Ramon

Eitan hatte beruflich auch mit der Nationalparkbehörde zu tun, weswegen ich auch einfach so ins Zentrum mitgehen konnte. Mit dem Geschäftlichen hatte ich wenig am Hut, was es mir erlaubte diesen extrem Krater in Ruhe zu betrachten. NICHT jedoch vom Wüsten-Informationszentrum aus. Hier hatten diese verrückten Israelis wieder ihre unsäglichen Klimaanlagen laufen…

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Ade Phu Quoc

_DSC0832_miniIch wusste immer noch nicht, wie lange ich auf der Insel Phu Quoc bleiben sollte. Das Meer war einfach nicht mein gewohntes Habitat. Die Berge waren gefährlich zu besteigen und selbst, wenn ich es versuchte, könnte ich meine Routen mangels guter Karten nicht veröffentlichen.

 

Am Nachmittag erlaubte ich mir eine Denkpause und schlief. Vielleicht würde mir am Abend mehr einfallen.

 

Auf Phu Quoc kann es zeitweise auch ordentlich regnen

Auf Phu Quoc kann es zeitweise auch ordentlich regnen

Als Idee konnte man das nicht bezeichnen, was ich nach dem Aufwachen hatte. Grübelnd wanderte ich die dunklen Sandstrände entlang und ließ meine Füße immer wieder die sanfte Gischt spüren. Auf einmal rief irgendwer.

Es waren meine chinesischen Freunde, die ich am Tag meiner Ankunft kennengelernt hatte. Das Ehepaar holte mich gleich herzlich zu sich und Wang (so hieß der Herr) orderte mir ein Getränk. Die Verständigung war ein wenig holprig doch wir erzählten einander viel über die Länder aus denen wir kamen.

Als Tiroler konnte ich nicht umhin, von den Bergen in meiner Heimat zu berichten, die die vietnamesischen bei weitem überragten. „Doch…“ dachte ich nach – gab es doch in China eine einzigartige Formation von Hügeln, die ich für mein Leben gerne sehen würde – „ihr wisst, welche ich meine?“

Wang blätterte in seiner Geldbörse und holte einen 20 Yuan-Schein heraus. Auf der einen Seite lächelte Mao, die andere drehte er zu mir. „Diese hier?“ lächelte er.

Zu sehen war ein Fluss mit einem einsamen Flößer, der vor dem Hintergrund gewaltiger ovaler mit Palmen bewaldeter Berge entlangruderte.

„Genau die“, antwortete ich.

Quelle: http://onamission.stalhammar.de/files/domains/onamission/fotos/InTextBilder/20_yuan_note.jpg

Quelle: http://onamission.stalhammar.de/files/domains/onamission/fotos/InTextBilder/20_yuan_note.jpg

Seine Frau dachte kurz nach und sagte, dass es ganz oben im Norden Vietnams auch solche Formationen geben müsse.

Das war die gute Nachricht – sie existierten also in diesem Land. Die schlechte Nachricht war: Noch weiter konnte ich kaum von diesen Naturwunder entfernt zu sein, als auf Phu Quoc. Doch ich musste diese Felsen sehen! Mein Eifer schien meinem chinesischen Freund zu gefallen – er drückte mir die Banknote in die Hand und lächelte „damit du es nicht vergisst“.

Wohl weil ich den Abend so genoss verfolg er so rasch – das Pärchen musste am kommenden Tag früh auf und verabschiedete sich – ich war wieder alleine.

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Zumindest wurde mir klar, dass ich auf dieser Insel nichts mehr verloren hatte – von nun an waren es die gigantischen Zeugen der Natur, die mich lockten – ein Stückchen Heimat sollte ich doch auch hier finden! Vorläufig sollten es nur die von Da Lat sein. Die kommenden Tage auf der größten Insel des Landes verbrachte ich mit Reisen ins Landesinnere.

Irgendwann hörten auch einfach die Straßen auf

Irgendwann hörten auch einfach die Straßen auf

_DSC0858_miniHier kamen kaum Touristen her. Die Motorradpreise waren etwas höher als im Rest des Landes, aber ich dachte viel darüber nach irgendwann einmal hier zu nächtigen. Die Ruhe war traumhaft. Teilweise sahen mich die Leute an, als käme ich aus einer anderen Welt – was vermutlich so falsch nicht war. Einige Kinder winkten mir zu, andere starrten mir lange nach und einige liefen weg, sobald sie mich sahen.

Die Strände waren sehr sauber und lediglich Fischerboote und Pfahlbauten zierten den Horizont. Ein wunderschöner Anblick.

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Das bisschen Dreck schreckt mich nicht....

Das bisschen Dreck schreckt mich nicht….

Je weiter ich fuhr, desto schlechter wurden die Straßen. Es war alles befahrbar, doch schreckte dies wohl einige der Reisenden ab, sodass ich oftmals Kilometer nur für mich allein hatte. Mich hätte der Berg Chua interessiert, der mit 603 Metern die höchste Erhebung darstellte. Doch befindet sich dieser in einem Naturschutzgebiet das auch militärisch genutzt wurde.

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An der Einfahrt stand ein Häuschen, vor dem Soldaten mit Zivilisten Karten spielten. Als ich mich dem Schranken näherte wies man mich gleich darauf hin, dass ich hier nicht einfahren dürfe.

Einfahrt zum Berg Chua

Einfahrt zum Berg Chua

 

_DSC0908_miniDamit war mir wohl der Gipfelsieg verwehrt geblieben – was blieb war die Erinnerung an ein Herz der Insel wie es wohl kaum ein anderer Besucher je gesehen hatte – und der Wunsch irgendwann abseits des Tourismuswahns wieder hierher zu kommen.

 

 

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Und Abreise...

Und Abreise…

Einblicke in Yad Vashem

_DSC0390_miniDa die letzten Wochen „Jerusalem-Wochen“ waren, habe ich mich entschlossen, zeitlich etwas vorzuspringen und schon in Yad Vaschem zu arbeiten.

 

Yad Vaschem liegt etwas außerhalb von Jerusalem – direkt neben dem Herzl-Berg, an dem, wie auch in anderen Teilen der Stadt ein angenehmer Wald angelegt wurde. Benannt ist er nach prominenten Herrn, der hier begraben liegt – Theodor Herzl.

 

Bei der Arbeit

Bei der Arbeit

Vordigitalisierung

Vordigitalisierung

Die Zeit, die ich in Yad Vaschem gearbeitet habe, war großteils von der Vorbereitung zur Digitalisierung geprägt. Wir waren die Ersten, die eingegangene Pakete und Dokumente zu sehen bekamen. Teilweise waren es Gerichtsprotokolle, manchmal Zeitzeugenberichte und einmal erhielten wir sogar einen handgeschriebenen Brief, in dessen Kuvert sich auch ein „Judenstern“ befand. Ein sehr befremdendes Gefühl, derartige Relikte zu Tage zu fördern – und auch anfassen zu können. Bisher hatte ich den „gelben Fleck“ lediglich in Museen vorgefunden (und in einem Wiener Antiquitätenladen).

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_DSC0320_mini_DSC0331_miniIm heutigen Artikel ist es mir wichtig, dass ich auch einige Fotos von damals veröffentlichen kann. Als aktiver Mitarbeiter von Yad Vashem waren die Richtlinien äußerst restriktiv. Jetzt möchte ich ein paar meiner Bilder, die mir gefallen haben online stellen.

Mein Lieblingsfoto

Mein Lieblingsfoto

_DSC0312_miniOftmals war es interessant, die Werke, die man mir gab zu lesen, nur wurde das leider von der Museumsleitung nicht immer gern gesehen. Was für mich Bildung aus Primärliteratur war, war für meine Chefs unproduktive Zeit. Dennoch versuchte ich, so viel wie möglich von dem zu lesen, was ich nummerierte.

 

Einmal hatte ich eine ganze Charge von kopierten Passen übernommen. Teilweise trugen sie einen Vermerk einer österreichischen (!) Vertretung im Ausland – während des Zweiten Weltkrieges. Bis heute habe ich nicht in Erfahrung bringen können, wie und warum das möglich war. Ab 1938 war Österreich ein integraler Bestandteil des deutschen Reiches. Es gibt heute ja auch keine ausländische Vertretung der gefürsteten Grafschaft Tirol.

Pass mit Inhaber und Frau

Pass mit Inhaber und Frau

Für mich waren die Pässe nicht wirklich aufregend. Oftmals fielen mir jedoch die Zusätze im Pass auf: „Länder für welche dieser Reisepass gilt“. Ursprünglich hatten viele nur europäische Nachbarstaaten aufgelistet – die später durchgestrichen wurden und mit „Für alle Staaten der Welt“ ersetzen.

Meine Aussicht

Meine Aussicht

Das fand ich wiederum interessant, dass Pässe damals teilweise auf Länder limitiert sein konnten. Ebenso, dass bei manchen verheirateten Paaren die Frau nur als die Frau des Inhabers gelistet wurde.

Eine Freundin meinte damals zu mir, dass sie die Pässe recht erfrischend fand, da sie endlich einmal Bilder von den Menschen gesehen hat und nicht nur (deren) Texte.

 

Meine Arbeitsmittel

Meine Arbeitsmittel

Wir nannten den Keller, in dem wir vordigitalisierten spaßhalber „Bunker“, da er unter der Erde gelegen und ob der Kühlung recht „frisch“ blieb. Meine Lieblingskollegin damals hatte an den „Bunkertagen“ immer eine Decke mit. Die Augusthitze Jerusalems fühlte sich nach diesen Intermezzi immer angenehmer an als sonst.

 

Als Österreicher wächst man in einem Land auf, in dem es kaum Klimaanlagen gibt. Die Israelis hingegen sind geradezu klimaanlagenverrückt. Noch gut kann ich mich an Streitereien erinnern, weil es meinem russischen Kollegen zu warm und mir zu kalt war.

Oft habe ich in Yad Vaschem an die Wüste zurückgedacht, in der ich Äcker angelegt hatte, deren Sand und Hitze ich widerstanden und sie am Ende sogar lieben gelernt habe…

Katzen in der jerusalemer Augsthitze

Katzen in der jerusalemer Augsthitze

Yadi und die Palästinenser

Mein künftiger Arbeitsplatz

Mein künftiger Arbeitsplatz

Nach meiner ersten Zusammenkunft mit einem Wunderrabbi konnte ich endlic meinen Vorgänger treffen, der gerade von irgendeiner Demonstration zurückgekommen ist.

Am nächsten Morgen brachte er mich zu meinem künftigen Arbeitsplatz nach Yad Vaschem.

 

Aussicht von Yad Vashem

Aussicht von Yad Vashem

Es war bezeichnend, dass ich mich genau an jenem Tag vorgestellt habe, an dem ein deutscher Freiwilliger seine Abschlussfeier hatte. Der gesamte deutschsprachige Teil der Belegschaft war anwesend und hatte fast eine kleine heimatliche Enklave in Israel gebildet. Die Stimmung war ausgelassen und besonders einen „Kollegen“ habe ich gut in Erinnerung.

 

Meine Kollegen

Meine Kollegen

Sein Name ist Yadi Herschkovitz und er wurde, nachdem ihn seine Mutter in jungen Jahren verstoßen hatte von den Mitarbeitern im „Caravan“, einem hinteren Teil von Yad Vaschem gepflegt und schließlich sogar von jemandem adoptiert. Mit seiner Adoptivmutter bin ich noch einige Zeit in Kontakt gestanden. Sie meinte, dass er sich wohl wegen der traumatischen Erfahrungen in seiner frühen Kindheit oft komisch benähme.

Soweit kam es aber erst etwas später, zu diesem Zeitpunkt wurde der Kleine noch von allen durchgereicht und gefüttert.

Ich hatte seine Mutter kurz getroffen, als ich in den Container gehen wollte. Sie war gerade beim Stillen seiner Geschwister. Ein paar Fotos von ihr gelangen, sie fühlte sich dann aber belästigt und rannte vor mir weg.

Vielleicht hätte ich noch erwähnen sollen, dass Yadi ein Kater ist…

 

Yadis Mutter

Yadis Mutter

Wer ihm was zukommen lassen möchte – er ist auch auf Facebook: https://www.facebook.com/yadi.hershkovitz

 

Der kleine Yadi

Der kleine Yadi

Zurück in meiner geliebten Wüste

Zurück in meiner geliebten Wüste

Nach dem Kennenlernen musste ich wieder zurück in die Wüste. Am Jerusalemer Busbahnhof war es nicht so einfach den richtigen Bus nach Beer Scheba zu finden. Lediglich auf Ivrit kam es es zur Unterscheidung zwischen Bummelbussen und Expressbussen, die eine Stunde Fahrtzeitunterschied hatten.

Ein Soldat stand in meiner Schlange, jedoch konnte er kein Englisch. Eine Araberin mit Kopftuch bot mir netterweise ihre Hilfe an. Sie müsse auch nach Beer Scheba und stellte dem Herrn von der Armee dieselbe Frage in derselben Sprache. Worauf er auch sie bedauernd ansah.

„Kannst du Hebräisch?“ wollte ich von ihr wissen – „Nein, nur Englisch und Arabisch – du?“ „Deutsch und Englisch“. Jemand anders half uns dann weiter und fügte hinzu, wir sollen noch 20 Minuten warten, dann würde der schnellere Bus abfahren.

 

Obwohl ich erst eine gewisse Respektdistanz aufgrund ihres islamischen Touches eingehalten habe konnte ich gut mit ihr reden. Sie war aufgeschlossen, kam aus Betlehem und studierte in Eilat. Die obligatorische Frage von wo ich sei, beantwortete ich mit „Austria“, worauf sie sagte, dass es in Australien sicher sehr schön sei. Danach folgte ein etwas peinlicher Dialog. Sie kannte mein Heimatland überhaupt nicht.

Von Wien müsse sie doch wissen, jedoch überraschte sie die Tatsache, dass da noch ein unbekanntes Land drum herum ist. Eine Hauptstadt war es sicherlich, gab sie zu. Doch von welchem Land?

Von Mozart hatte sie nie gehört, somit waren auch Haydn und andere Komponisten irrelevant – und zu meiner eigenen Schande fiel mir kein wirklich berühmter Österreichischer Schriftsteller oder Maler ein. Jelinek liest niemand gerne, Nestroy und Grillparzer sind auch nur gebildeten Landsleuten ein Begriff. Tiroler Künstler wie Egger-Lienz würde sie nicht kennen, Klimt hätte ich sagen sollen! Sonst… Auf Nietsch kann man nicht stolz sein.

Somit blieben Sachertorte, Mozartkugeln, Schnitzel und der große Schatten von Goethe und Schiller aus dem Norden. Österreich war Genießern vorbehalten. Dichter und Denker lobten unser Land meist wegen der schönen Landschaft und der Kulinarik…

 

Sie versuchte die Situation zu retten:“Seit wann ist Österreich unabhängig?“

„Seit 1945, bzw. 1955…“ – „Na, das ist noch nicht sooo lange her, da ist es kein Wunder, dass ich es nicht kenne“. „… und bevor wir an Deutschland angeschlossen wurden waren wir das größte Land Europas“.

„Ups…“

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