Intermezzo in Saigon

Nach etwa einem Monat, während dem ich auch etwas gearbeitet hatte kannte ich Ha Tien zu gut. Es war Zeit, wieder nach Hô-Chi-Minh-Stadt aufzubrechen, wo ich auch meinen größten und schwersten Koffer gelagert hatte.

Wieder entschied ich mich für einen Nachtbus, obwohl ich die kaum ausstehen konnte.

Zumindest hatte ich Zeit, an meinem Buch weiterzuschreiben. Hinter mir saßen ein paar Khmer was ich gleich an der Sprache erkennen konnte. Wir konnten miteinander plaudern und es war sehr angenehm, nach fast zwei Monaten in Vietnam wieder einmal Khmer zu sprechen. Als Europäer ist es sehr viel einfacher Khmer zu lernen als Vietnamesisch, was ich bis zuletzt nicht schaffte.

Khmer und Vietnamesisch sollten eigentlich sehr nahe verwandt sein.

Das aber ist eine Information, die einem ein Sprachforscher geben würde. Nie habe ich einen Vietnamesen getroffen, der Khmer als Brudersprache bezeichnet hätte und nie einen Khmer, der dasselbe von Vietnamesisch behauptet hatte.

Wer einmal versucht, Khmer im praktischen Leben auf Vietnamesisch umzulegen wird recht bald feststellen, dass sein Faktenwissen über Sprachen hier nutzlos ist – und höchstens ein paar ungläubige Blicke einbringt.

Schlafen war bei dem Gewackel ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit und zum Schreiben gab es genug. Dadurch kam mir die Fahrt sehr kurz vor. Schon bald glühte das ehrwürdige Saigon in der Morgendämmerung vor mir.

Dieses Bild zeigt Saigon besser als jedes Andere...

Dieses Bild zeigt Saigon besser als jedes Andere…

Solange man in einer Stadt ist, fällt es nicht auf wie groß sie ist. Saigon ist riesig. Vermutlich die größte Stadt in der ich je war.

HCM in der Früh

HCM in der Früh

Den Bus noch nicht einmal verlassen, scharrten sich schon Motorradtaxis um uns und einer half mir unaufgefordert, meinen Rucksack herauszubekommen.

Ich ignorierte ihn und suchte nach dem Busterminal. Die Busfahrt käme auf vielleicht 5.000 Dong, knappe 25 Dollar-Cents. Das Motorradtaxi auf vielleicht 100.000. Wobei ersteres ob der Last sogar bequemer war. Zuerst hatte ich die Strecke bis ins Zentrum gänzlich falsch eingeschätzt – oder besser: Die wahre Größe der Stadt.

_DSC0625_miniMan könnte ein Jahr lang hier bleiben und jeden Tag fotografieren, alles dokumentieren und kartographieren – am Ende bliebe immer noch zu viel Ungesehenes übrig. Selbst, wenn man es schaffte, so würden hier im Laufe dieses Jahres so viele Dinge passieren, dass man genug Material für ein weiteres Jahr hätte.

Etwas hatte ich mit dieser Aufgabe zwar kokettiert, doch es ist genauso schwierig jemanden zu finden, der verrückt genug ist und die Ausdauer besitzt, diese Stadt gänzlich entdecken zu wollen, wie jemanden der das auch finanziert.

_DSC0752_miniIrgendwann entdeckte ich am Ufer des Saigonflusses eine interessante Kirche, die mir zuvor noch nie aufgefallen war. Fast zwei Wochen hatte ich hier verbracht und versucht, jeden Tag etwas Neues zu finden. Und kaum einen Kilometer Luftlinie war dieses erstaunliche Gebäude von meiner Bleibe entfernt!

Kirche neben dem Saigon-Fluss

Kirche neben dem Saigon-Fluss

Genau das fasziniert mich bis heute an der Stadt.

Kurz nach 6 erreichte ich das Gebäude in dem ich schon das letzte Mal verbracht hatte, die Herrin des Hauses war sichtlich überrascht, mich um diese Uhrzeit zu sehen. Als Langschläfer bekam man mich vor 10 eher nicht zu Gesicht.

Sie machte mir klar, dass mein Zimmer noch besetzt sei, aber bis 10 würde es frei.

Wie sie mir das verständlich gemacht hatte? Offen gesagt, antwortete ich auf diese Frage, müsste ich lügen. Ich weiß es nicht… Sie sprach kein Englisch, ich kein Vietnameisch.

Um Punkt 10 war es aber tatsächlich frei und für mich hergerichtet.

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Weihnachtsmann vor dem Nikon-Vietnam Gebäude. Ob der Hitze eher unpassende Kleidung

Weihnachtsmann vor dem Nikon-Vietnam Gebäude. Ob der Hitze eher unpassende Kleidung

Bis dahin, ja Saigon ist nicht langweilig. Meine Kamera musste aus der Reparatur abgeholt werden, auf dem Weg dahin entdeckte ich einen Markt, den ich noch gar nicht kannte, aß dort eine Suppe zum Frühstück, die mir außerordentlich gut schmeckte.

_DSC0690_miniIn guter Laune ließ ich das auch die Verkäuferin wissen, dass das eine der Besten gewesen sei, die ich hier verspeist hatte – worauf sie freundlich meinte:„Maybe come again tomorrow and try other one too“. Worauf ich antwortete „No, I order it now. I’m still hungry“.

Bis 10 war noch genug Zeit, die durchgemachte Nacht schien mich einfach nur hungrig gemacht zu haben und zum ersten Mal schmeckten mir auch die seltsamen Tischkräuter.

Auch meine Uhr bedurfte einer Reparatur

Auch meine Uhr bedurfte einer Reparatur

Mit ein paar Ringen unter den Augen überreichte man mir um 9 meine geliebte Nikon.

Auf den ersten Fotos stellte ich fest, dass man den Defekt behoben hatte. Auf dem dritten und vierten Foto zeigte sich dafür ein ganz neuer Defekt – der mir ob des Faktums, dass seine Entstehung für mich schwer nachzuvollziehen war – irgendwie cool war…

 

 

 

Nutzloser aber interessanter Fehler: In einem bestimmten Winkel gehalten ist die Hälfte der Aufnahme nicht sichtibar

Nutzloser aber interessanter Fehler: In einem bestimmten Winkel gehalten ist die Hälfte der Aufnahme nicht sichtbar

 

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