Archiv für den Monat: April 2014

Nachtkautschuk

Es sollte nicht mehr lange dauern, bis die Sonne den Horizont erreichte. Das Licht ließ nach und ich fürchtete, die ganze Reise wäre umsonst gewesen. Auf keiner Straßenseite konnte ich auch nur das geringste waldähnliche Objekt ausfindig machen.

„Noch eine halbe Stunde“, „nein, noch ein bisschen mehr, ich kann jetzt nicht aufgeben“ blitzte mir durch den Kopf. Vermutlich war ich Hô-Chi-Minh-Stadt schon näher als Mui Ne!
Wenn die Sonne weg ist ist hätte es keinen Sinn mehr. Die Fotografie heißt nicht so, weil man sie im Dunkeln betreibt!

Und auf einmal war diese Häuserreihe neben der Straße. Dahinter Wald. Nicht irgendein Wald. Das waren Gummibäume.

Zufälligerweise stand im Garten eines der Häuser eine Frau die gerade mit ihren Kindern sprach. Mit Hilfe meines Wörterbuchs konnte ich sie wohl in „Vietninglish“ fragen, wie man zum Garten hinter ihrem Grund käme. Sie deutete auf die Straße und dann nach links. „Cảm ơn“ brachte ich dankend hervor und ratterte weiter, bog ab und war am Ziel angekommen.
Vor Jahren ward dieser Wunsch geboren und jetzt erfüllte ich ihn mir endlich. Kautschukfelder.

Ich war wieder ein Kind. Wann ich das letzte Mal so gestaunt habe wusste ich nicht, es muss aber schon fast ein Jahrzehnt her sein. Zuerst fühlte ich die Rinde der Bäume, dann die Blätter, versuchte den Geruch festzuhalten und wollte ihre Besonderheit verstehen. Umso verwunderter war ich, dass sie sich kaum von regulären Bäumen unterschieden. Die Blätter fühlten sich genauso an wie die anderer Bäume in vergleichbaren Regionen. Die Rinde entsprach auch der Bäume daheim.

nahaufnam__DSC0008_miniDoch der Kautschuk war einzigartig. Noch nie hatte ich etwas derartiges gefühlt. Er war kein Harz, wie es die mir bekannten Bäume hatten.

In meiner Kindheit wollte ich immer wissen, ob man das weiße Zeug trinken könne und probierte jetzt. Es erinnerte an leicht aromatisierte, alte Gummibänder deren abartiger Geschmack sich sofort überall im Mund ausbreitete und ein wenig schäumte. Noch nie waren „Widerlich“ und „Großartig“ so nahe beieinander.
Man kann es vermutlich nicht oral konsumieren.

Die Geschichte im Detail habe ich später ausführlicher niedergeschrieben und auch noch einige andere Bemerkungen festgestellt:
Englisch http://www.landmark5.com/2013/03/23/origin/ und Deutsch: http://www.landmark5.com/2013/03/23/herkunft/

Langsam aber stetig kühlte die Luft ab und ich begann zu sinnieren, ob es nicht intelligenter wäre, langsam zurück zu fahren. Auf der Anfahrt hatte ich bewusst darauf geachtet, immer in Richtung T.P. Hô Chi Minh zu fahren und nie Abzweigungen zu nehmen. Es hatte einige Fotostops, einen Schaden und einen Klosterbesuch gegeben. Wenn ich richtig gerechnet hatte, dann sollte die Rückreise rascher vonstatten gehen als die Hinreise.

Obwohl man mit schwachen Maschinen eher sorgfältig umgehen sollte, holte ich das Maximum aus meiner heraus. (War ja nur geliehen). Blöderweise ließ die Lenkung einmal schnell nach und als ich abgestiegen bin konnte ich auch sehen, warum. Der Vorderreifen hatte keine Luft mehr.

_DSC0090_miniVietnam unterscheidet sich vom Ballungszentrumorientierten Alpenland auch dadurch, dass fast alles irgendwie bewohnt ist. Lange musste ich nicht suchen, bis ich eine Werkstätte hatte. Nur hatten die nicht, was ich brauchte, aber ein paar Jugendliche halfen mir, mein Vehikel weiterzuschieben.

Der nächste Mechaniker versicherte mir, er würde gleich fertig sein. Hier hatte der Nachbar intelligenterweise ein Restaurant gebaut. Vielleicht ist die Idee adaptierbar: Sie essen während wir arbeiten? Ganz fertig war er noch nicht als ich satt war, aber immerhin konnte ich einen Tee trinken.

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_DSC0083_miniAuf die Idee, eine Jacke mitzunehmen bin ich nicht gekommen. Dass ich so lange fahren würde hatte ich nicht kommen sehen. In dieser Äquatornähe brach die Finsternis abrupter herein als in Österreich und nach nur wenigen Minuten war es schlagartig Nacht.
Nachdem ich die Rechnung bezahlt hatte, raste ich in die Nacht hinein. Sicherheitshalber wollte ich mich nach dem Weg erkundigen, doch ein paar ältere Herrn, die neben der Straße standen konnten mit „Mui Ne“ nichts anfangen.

Jetzt war ich froh, im Bus jemanden kennengelernt zu haben, der aus der großen Nachbarstadt Phan Thiet war. Die kannten sie. Und ich war am richtigen Weg…

Xuân Lộc Road Movie

Die meisten Touristen ließen sich in Mui Ne nur die Sonne auf den Bauch scheinen oder besuchten touristische Ziele der Gegend. Ich hatte auf der Fahrt etwas gesehen, was mich wesentlich mehr faszinierte als Dünen, Wasserfälle oder Strände.

Seit ich ein Kind war wollte ich immer schon Kautschukbäume zu Gesicht bekommen. Irgendwann sind sie wohl in meinen Büchern aufgetaucht weshalb sich ein Interesse bemerkbar machte selbst Entdecker zu werden. Auf der Fahrt von Saigon hatte ich bemerkt, dass es Kautschukplantagen gab die neben der Straße platziert waren.

Ein etwas suspekt wirkender Einheimischer verlieh sein Motorrad zu einem günstigen Preis, vielleicht zu günstig? Aber egal, ich bestieg das Fahrzeug und raste einfach nur nach Süden, „zurück“ nach Saigon. Irgendwo auf der Strecke würde ich finden, was ich begehrte.

_DSC0456_miniEs begann eine „Road Movie“ der anderen Art… Außerhalb Phan Thietes lagen große Felder mit Drachenfrüchten und Händler säumten die Straßen. Fast war es ironisch: In der Touristenhochburg Mui Ne gab man sich so, als seien Drachenfrüchte exquisit und teuer und schon wenige Kilometer außerhalb gibt man gerne etwas mehr an hungrige Touristen ab. So auch an mich – mein Vorrat an Frischobst war für die kommenden Tage eingedeckt. Mir sagte die Frucht dermaßen zu, dass ich vermutlich jeden Tag 1-3 Stück davon gegessen hatte. Gerne hätte ich mehr von den süßeren, aber auch teureren Purpurfleischigen gegessen, doch auch dir Weißen waren ja nicht zu verachten.

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Nach mehreren Kilometern zeigte sich, warum das Motorrad so günstig war. Die Qualität ließ zu wünschen übrig und ich hatte mitten in der Pampa eine Panne.

Wenn das Österreich wäre, so würde Folgendes passieren: Ich stelle das Gefährt am Straßenrand ab, nehme mir ein Taxi in die nächste Stadt, suche dort einen Mechaniker der das Kraftrad abtransportiert und drei Tage später ist alles repariert (wenn er die Teile hat). Wenn das in Österreich schon so lange dauert, was wäre dann wohl hier? Ich haderte, rollte mein Wrack aber tapfer weiter.

Irgendwo am Ende der Welt

Irgendwo am Ende der Welt

_DSC0472_miniWas mir jetzt erst klar wurde war, dass hier überall Werkstätten ihre Dienste feilboten. Nach weniger als 100m Schieben zeichnete sich ab, dass das Haus vor mir eine war. Der Mechaniker konnte kein Englisch, weswegen ich nur auf den Motor zeigte und ihm verdeutlichte, dass es nicht mehr startet. Er nickte und fing an zu werkeln.

Praktischerweise lag neben seinem Betrieb ein kleiner Laden in dem ich mir einen dünnen Tee orderte, meinen Proviant verbrauchte und mich sorgte was wohl hier aus mir werden würde? Vermutlich würde ich bald nichts mehr zu essen haben und mich als Reisbauer verdienen müssen, bis ich wieder zurück konnte. Unterkünfte gab es keine. Wo ich war konnte ich auch nicht sagen…

Nachdem ich Fotos auf der Kamera sortiert hatte, im Wörterbuch nach irgendwelchen Wörtern zu suchen begann und Löcher in die Luft starrte stand der Mechaniker neben mir – es lief wieder. Was genau kaputt war weiß ich bis heute nicht. Gekostet hat es glaube ich etwa einen Dollar.

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_DSC0486_miniDie Region wurde von einigen sanften Hügeln durchzogen und auf der rechten Seite thronte ein Kloster. Zuerst wollte ich nur kurz anhalten, um schnelle Fotos zu schießen, dann fand sich ein Bonze der ein wenig Englisch konnte.

Viel wusste er mir nicht zu sagen, doch war er freundlich und führte mich herum. Ein Buddha schaute zu uns herab, in seinem metallenen Gesicht spiegelte sich das Leuchten der Swastika, die ich immer noch nicht gewohnt war. Sie bauten gerade meinte mein Führer mild als wir an einem unfertigen Teil des Komplexes passierten. Es schienen gute Zeiten für die Mönche zu sein. Als die Tour beendet war, aßen wir violette Maniokwurzeln. Ihr Geschmack ist mir lieber als der heimischer Kartoffeln. Sie haben eine angenehme Note und ein mildes Aroma. Die tiefviolette Farbe ist am Anfang etwas irritierend. In unseren Breiten ist Nahrung mit der Tönung meist verdorben.

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Kanonenkugelfrucht

Kanonenkugelfrucht

Da sie gerade gekocht hatten, tischte mir ein Mädchen aus der Küche noch einen Teller mit vegetarischen Gerichten auf. Zahlung wollten sie keine Annehmen. Ich sei ein Gast. Ich dankte berührt. Gerne wäre ich noch länger geblieben, doch hatte ich mein Tagesziel noch nicht erfüllt.

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Der Weg führte mich vorbei an der Szenerie Vietnams. Unfälle auf der Überlandstraße. CD-Verkäufer, die ihre Musik über ihr Moped in die Welt posaunten und eine Kulisse, in der sich Moschee und Kirche friedlich gegenüberstanden.

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Langsam dämmerte es und ich fragte mich mehr und mehr, ob ich den Weg nachhause wieder finden würde. Es müssten inzwischen fast 70km sein, die ich mit der schwachen Maschine zurückgelegt hatte…

Kirche und Moschee nebeneinander, Xuân Lộc Bezirk

Kirche und Moschee nebeneinander, Xuân Lộc Bezirk

 

Die letzten Tage in Beer Milka

_DSC0254_miniInzwischen waren Monate vergangen seit dem ich nach Israel aufgebrochen bin. In Idan hatte ich Tomatenfelder präpariert und mit den Thai-Workern zusammengearbeitet, Beer Milka forderte mehr und war eine der besten Erfahrungen meines Lebens.

 

Passionsfruchtpflanzen

Passionsfruchtpflanzen

In den letzten Tagen war ich viel alleine. Mein australischer Kollege war schon früher aufgebrochen und ich verbrachte meine Tage großteils mit dem Präparieren von neuen Feldern, mit der Ernte von Kräutern und dem Pflanzen von Setzlingen. Auch Golan kam seltener da er mit dem Hausbau die Hände voll zu tun hatte.

Gerade jetzt wurde mir bewusst, wie viele verschiedene Gewächse wir hier hatten. Golan pflanzte Wein, einige ausgestorbene Dattelarten und noch vieles Andere an.

Alles biologisch und gegossen wurde es mit dem Salzwasser aus der nahen Quelle.

 

Melissenernte

Melissenernte

Lediglich die Melisse war dem mineralstoffhaltigen Zeug gegenüber etwas zu empfindlich und ein Teil der Ernte fiel nicht so gut aus.

Interessant fand ich, dass wir hier den Plantago Major hatten. In Österreich wächst dieses Kraut überall. Jeder Garten hat es, jede Wiese und man nennt es gemeinhin „Breitwegerich“. Gerade als ich die übersensible Melisse abernten wollte, schnitt ich mir tief in den Finger und hatte kein Pflaster parat. Also entnahm ich dem Breitwegerich ein großes Blatt und legte es über die Wunde.

 

Beim Schneiden der Melisse

Beim Schneiden der Melisse

Fingerpflaster sind nie sehr ausdauernd. Weder im Hochpreissegment, noch in der Natur selbst. Doch als es selbst verstärkt mit Klebeband nach einigen Minuten wieder abfiel staunte ich nicht schlecht: Die Wunde war praktisch verheilt.

Und wäre es auch geblieben, wenn ich nicht weitergearbeitet hätte. Zumindest hatte ich die Heilkraft empirisch bestätigt.

Umso faszinierender, dass es in Israel einen Markt dafür gab.

_DSC0152_miniDie Arbeit, diese Kräuter aus dem Boden zu bekommen war bei Weitem die Härteste die ich überhaupt machen musste. Das klingt jetzt recht übertrieben, doch dieser Plantago hatte sehr dichte Wurzeln, die sich noch dazu weit verzweigten. Anfangs riss ich sie aus und musste nach einigen Stück eine Pause einlegen. Trotz dem Sand war meine ganze Stärke notwendig, dieses Grünzeug samt Wurzel sauber aus dem Boden zu bekommen.

Es war nicht hart im Sinne von „An die Grenzen bringen“. Es raubte einem einfach nur seine ganze Kraft. Als würde man zu schwere Gewichte heben.

Später leistete ich mit einer Schaufel Vorarbeit was ein wenig half. Genausogut hätte ich Anker herausziehen können. Vielleicht war das ja einer der Gründe warum Golan sie gepflanzt hat – sie banden den Sand. Eine vergleichbare Pflanze ist Rotem (רותם), die in Israel hauptsächlich deshalb so geschätzt wird, weil sie den Sand zusammenhält und so den Boden fruchtbarer macht.

Obwohl sie über medizinische Substanzen verfügt ernteten wir sie nie, da sie lebedig wertvoller war als in einem Sack. Der Name sollte wohl „verbinden“ bedeuten.

_DSC0345_miniSchließlich kam der Tag meiner Abreise immer näher. Gerade jetzt versuchte ich die Wüste noch in allen Zügen auszukosten. Starrte lange in die unendlichen Weiten des israelischen Negev. Fühlte Wind und Sonne und versuchte das „Lied der Wüste“ zu hören, von dem ich so manches Mal gehört hatte. Abends saß ich meist auf einer Anhöhe hinter dem Bauernhof und blickte zu den beleuchteten Militärbasen die sich durch die Wüste zogen. Wie oft wurden hier Manöver abgehalten. Fast jede Nacht fürchtete ich dass sich Israel und Ägypten gegenseitig überfallen würden, doch wenn man in einem Land aufwächst in dem die Zivilbevölkerung militärische Übungen eher als seltsame Spielereien betrachtet ist man Ländern wie Israel gegenüber, in denen das Heer tatsächlich eine Aufgabe hat wohl etwas übersensibel.

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Noch einen Tag. Einen Teil des Gepäcks ließ ich in Golans Container und machte mich für eine Reise über den Sinai bereit. Mir fiel jedoch erst viel zu spät ein, dass ich ein Visum brauchte – also rief ich kurz vor 17:00 in der ägyptischen Botschaft in Tel Aviv an. Ein Herr mit schlechtem Englisch erklärte mir, dass ich in 10 Minuten noch einmal anrufen sollte. Um mir dann zu sagen, dass sie jetzt geschlossen hätten…

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