Nachtkautschuk

Es sollte nicht mehr lange dauern, bis die Sonne den Horizont erreichte. Das Licht ließ nach und ich fürchtete, die ganze Reise wäre umsonst gewesen. Auf keiner Straßenseite konnte ich auch nur das geringste waldähnliche Objekt ausfindig machen.

„Noch eine halbe Stunde“, „nein, noch ein bisschen mehr, ich kann jetzt nicht aufgeben“ blitzte mir durch den Kopf. Vermutlich war ich Hô-Chi-Minh-Stadt schon näher als Mui Ne!
Wenn die Sonne weg ist ist hätte es keinen Sinn mehr. Die Fotografie heißt nicht so, weil man sie im Dunkeln betreibt!

Und auf einmal war diese Häuserreihe neben der Straße. Dahinter Wald. Nicht irgendein Wald. Das waren Gummibäume.

Zufälligerweise stand im Garten eines der Häuser eine Frau die gerade mit ihren Kindern sprach. Mit Hilfe meines Wörterbuchs konnte ich sie wohl in „Vietninglish“ fragen, wie man zum Garten hinter ihrem Grund käme. Sie deutete auf die Straße und dann nach links. „Cảm ơn“ brachte ich dankend hervor und ratterte weiter, bog ab und war am Ziel angekommen.
Vor Jahren ward dieser Wunsch geboren und jetzt erfüllte ich ihn mir endlich. Kautschukfelder.

Ich war wieder ein Kind. Wann ich das letzte Mal so gestaunt habe wusste ich nicht, es muss aber schon fast ein Jahrzehnt her sein. Zuerst fühlte ich die Rinde der Bäume, dann die Blätter, versuchte den Geruch festzuhalten und wollte ihre Besonderheit verstehen. Umso verwunderter war ich, dass sie sich kaum von regulären Bäumen unterschieden. Die Blätter fühlten sich genauso an wie die anderer Bäume in vergleichbaren Regionen. Die Rinde entsprach auch der Bäume daheim.

nahaufnam__DSC0008_miniDoch der Kautschuk war einzigartig. Noch nie hatte ich etwas derartiges gefühlt. Er war kein Harz, wie es die mir bekannten Bäume hatten.

In meiner Kindheit wollte ich immer wissen, ob man das weiße Zeug trinken könne und probierte jetzt. Es erinnerte an leicht aromatisierte, alte Gummibänder deren abartiger Geschmack sich sofort überall im Mund ausbreitete und ein wenig schäumte. Noch nie waren „Widerlich“ und „Großartig“ so nahe beieinander.
Man kann es vermutlich nicht oral konsumieren.

Die Geschichte im Detail habe ich später ausführlicher niedergeschrieben und auch noch einige andere Bemerkungen festgestellt:
Englisch http://www.landmark5.com/2013/03/23/origin/ und Deutsch: http://www.landmark5.com/2013/03/23/herkunft/

Langsam aber stetig kühlte die Luft ab und ich begann zu sinnieren, ob es nicht intelligenter wäre, langsam zurück zu fahren. Auf der Anfahrt hatte ich bewusst darauf geachtet, immer in Richtung T.P. Hô Chi Minh zu fahren und nie Abzweigungen zu nehmen. Es hatte einige Fotostops, einen Schaden und einen Klosterbesuch gegeben. Wenn ich richtig gerechnet hatte, dann sollte die Rückreise rascher vonstatten gehen als die Hinreise.

Obwohl man mit schwachen Maschinen eher sorgfältig umgehen sollte, holte ich das Maximum aus meiner heraus. (War ja nur geliehen). Blöderweise ließ die Lenkung einmal schnell nach und als ich abgestiegen bin konnte ich auch sehen, warum. Der Vorderreifen hatte keine Luft mehr.

_DSC0090_miniVietnam unterscheidet sich vom Ballungszentrumorientierten Alpenland auch dadurch, dass fast alles irgendwie bewohnt ist. Lange musste ich nicht suchen, bis ich eine Werkstätte hatte. Nur hatten die nicht, was ich brauchte, aber ein paar Jugendliche halfen mir, mein Vehikel weiterzuschieben.

Der nächste Mechaniker versicherte mir, er würde gleich fertig sein. Hier hatte der Nachbar intelligenterweise ein Restaurant gebaut. Vielleicht ist die Idee adaptierbar: Sie essen während wir arbeiten? Ganz fertig war er noch nicht als ich satt war, aber immerhin konnte ich einen Tee trinken.

_DSC0086_mini

_DSC0083_miniAuf die Idee, eine Jacke mitzunehmen bin ich nicht gekommen. Dass ich so lange fahren würde hatte ich nicht kommen sehen. In dieser Äquatornähe brach die Finsternis abrupter herein als in Österreich und nach nur wenigen Minuten war es schlagartig Nacht.
Nachdem ich die Rechnung bezahlt hatte, raste ich in die Nacht hinein. Sicherheitshalber wollte ich mich nach dem Weg erkundigen, doch ein paar ältere Herrn, die neben der Straße standen konnten mit „Mui Ne“ nichts anfangen.

Jetzt war ich froh, im Bus jemanden kennengelernt zu haben, der aus der großen Nachbarstadt Phan Thiet war. Die kannten sie. Und ich war am richtigen Weg…

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