Kategorie-Archiv: Märkte/Markets

Stadt der Göttin der Gerüche

Nach Phu Quoc war ich über Rach Gia gekommen. Die Stadt blieb mir nicht sehr gut in Erinnerung. Sie war zu groß und das Geld der Touristen war lieber gesehen als die Menschen.

Auf einer der vielen Seekarten in den Phu Quocer Reisebüros war eine weitere, günstigere Route abgebildet – nach Ha Tien. Ein Versuch, diesen Ort auszuloten konnte nicht schaden und während die Hinreise in der ersten Klasse erfolgte, verlief die Rückreise in einem äußerst wackeligen Boot auf Holzbänken und mir unverständlichem parallel laufenden Fernsehsendungen.

_DSC0984_miniSpäter sollte sich noch herausstellen, dass auch der Name der Stadt beispielhaft für die vielen Töne der Vietnamesischen Sprache war. Ein ungeübter Europäer kann die Tonhöhen kaum unterscheiden.

Je nach Aussprache definiert „Ha Tien“ entweder das Wort „Galaxie“, den Ausspruch „ich habe kein Geld“ oder eben den Name der Stadt, der sich auf eine bestimmte Göttin zurückführen lässt.

 

Berg mit Tempel nahe der Grenze

Berg mit Tempel nahe der Grenze

Ich mochte die Stadt von Anfang an. Sie war eine kleine, gemütliche Grenzstadt, die Gäste aus dem nur einen Steinwurf entfernten Kambodscha mit kostenlosen Visa köderte. Wenn man nicht aufpasste, so hätte man ob dieser Distanz außerhalb versehentlich die Grenze überqueren können.

 

Ein Motorradtaxifahrer brachte mich über die Brücke in die Innenstadt. Ein Hotel direkt gegenüber des Marktes schien mir passend und ich wollte einmal ein paar Tage nachdenken, was ich denn arbeiten könne.

Das günstigste Zimmer hatte kein Fenster und ein hochfeuchtes Badezimmer. Im Moment war mir der fensterlose Raum sogar recht – die Dunkelheit erlaubte mir einen angenehmeren Schlaf. Doch der beißende Geruch im Zimmer war nicht wegleugenbar. Woher kannte ich den nur…

 

Zuerst war ein Putzmittel im Generalverdacht, doch die Intensität ließ an manchen Stellen nach. Es musste sich um Naphtalin handeln. Leider wird dieses Gift noch in einigen Teilen der Welt als Waffe gegen Ungeziefer eingesetzt, obwohl es gänzlich nutzlos ist und für Kinder sogar eine Gefahr darstellt. Mit meiner feinen Nase litt ich besonders darunter.

 

An das Schlafen war nicht mehr zu denken, trotz Müdigkeit. Drei Mal durchforstete ich das Zimmer, fand nichts, legte mich wieder ins Bett, rotierte um die eigene Achse, suchte abermals und blieb erfolglos.

Im Vergleich zum Menschen nutzen Tiere ihre olfaktorische Wahrnehmung primär – nicht die Augen. Angeblich ist der Mensch jedoch in der Lage seinen Geruchssinn genauso effizient einzusetzen wie ein Tier – hatten Experimente mit Schokolade belegt (vgl. http://www.stern.de/wissen/mensch/geruchssinn-die-schoko-schnueffler-578766.html). Sollte das korrekt sein, so wäre das ein guter Moment die Ergebnisse im Selbstversuch zu verifizieren. Mit geschlossenen Augen schnüffelte ich nach der Naphtalinquelle. Geradeaus, rechts, links – nein, mehr rechts, wieder gerade, rechts – zu weit, zurück… Die Türe? Kam das von draußen?

Der Flur war weitgehend geruchsneutral. Also wieder retour. Nirgends war der Gestank so stark wie an der Türe. Die Augen nutzend achtete ich jetzt mehr auf Details. Tatsächlich fand sich jetzt ein türkises Stück Plastik, das in der Garderobe hing. Es war doch kein Türhänger, sondern die Quelle des aromatischen Toxins.

Naphtalin

Naphtalin

Im Flur entsorgte ich den Raumverpester in einem Müllkübel und legte mich schlafen. Es funktionierte.

Erfrischt war die Stadt viel interessanter, allen voran der Markt direkt vorm Hotel – weniger wegen der Architektur als dem Hunger, der an mir zu nagen begann. Touristen kannte man hier kaum, weswegen das Mittagessen für den „Einheimischentarif“ zu haben war. Eine Suppe, Fleisch, ein wenig Gemüse und Reis.

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Nachdenklich starrte ich auf die Fassaden der Häuser gegenüber vom Markt, dachte nach und ging den Markt durch – erst jetzt fiel mir ein Herr auf, der dort saß. Er musste in seinen 50ern sein, hatte blondgraue Haare und war höchstwahrscheinlich kein Vietnamese (was unschwer an seiner Hautfarbe abzulesen war). Das Essen war noch nicht serviert, ich stand auf, schritt zu ihn und fragte ob hier noch frei sei – was er bejahte.

 

Wir kamen ins Gespräch, während ich zu Mittag aß und es stellte sich heraus, dass er ein Holländischer Programmierer war. Irgendwie hatte ich Freundschaft mit jemandem aus meinem Berufsstande geschlossen, noch dazu ebenfalls aus Europa. Über 10.000km von meiner Heimat entfernt…

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Siem Reap: Old Market

Das hier ist wie es aussieht der erste richtige Artikel in diesem Blog. Mögen noch viele folgen.

Ich bin mittlerweile gut in Kambodscha angekommen und lebe mich langsam aber sicher ein. Die Stadt Siem Reap, in der ich mich befinde zeigt recht stark was passiert, wenn Touristen in eine Provinzstadt strömen.

Darauf gehe ich in den nächsten Artikeln noch genauer ein, hier möchte ich ein Bild davon zeichnen… oder fotografieren… wie sich der Alte Markt entwickelt hat.

Auf der einen Seite zeigt er sich extrem touristisch. Die Verhandlungsbasis liegt bei manchen Gegenständen beim 6-Fachen Wert und wie nicht anders zu erwarten verkaufen die meisten Läden den gleichen Tand an (ahnungslose) Touristen.

In der Mitte zeigt sich dann, was noch von früher übrig geblieben ist. Eine große Markthalle baut sich auf, daneben gibt es Schuhverkäufer und eine Frisörpassage. Hier war also der „richtige“ Alte Markt. Alles, was Mutter Erde hervorbringt und was der Mensch daraus macht kann man hier zu Einheimischenpreisen ergattern. Gemüse, Fleisch, Fisch und deren Produkte. Die Leute können von einen Meter auf den anderen kaum noch Englisch und die Stimmung wirkt dunkler… und alltäglicher. Ich bin mir sicher, dass eine große Anzahl der Gäste diese Hallen noch nie betreten hat.

Am Ende finden sich schließlich eine Reihe von Haushaltswarengeschäften und Straßenlokalen, die für etwa 1$ Essen anbieten.

Ich möchte hier in erster Line die Kontraste zeichnen, die sich ergeben und andererseits einen gewissen Beitrag dazu leisten, das alte Siem Reap nicht sterben zu lassen.

– Mario J. Schwaiger, 21. September 2012, Siem Reap