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Türk Men – Ich bin Türke 3: Das Tor zur Hölle im Schnee

Nachdem ich meine beiden letzten Artikel über Türkmenistan in meinem „alten“ Blog MyAliyah für meine Erlebnisse niedergeschrieben habe gilt dem heutigen Werk allem voran die visuelle Qualität weswegen er unter „Landmark 5“ erscheint. Die beiden früheren Berichte über das Land der Türkmenen finden sich hier: Teil 1: https://myaliyah.wordpress.com/2015/03/02/turk-men-ich-bin-turke-1-zwischen-usbeken-und-turkmenen/ Teil 2: https://myaliyah.wordpress.com/2015/03/09/turk-men-ich-bin-turke-2-wo-chorezm-die-wuste-kusst/ Von Konye-Urgench bis nach Derweze ist es eine ziemlich weite Strecke. Generell hat man  in Türkmenistan das Gefühl, dass alle Strecken ziemlich weit sind. Das Land besteht weitgehend aus Wüste und der Weg fühlt sich dadurch unendlich an. Auf meinen bisherigen Reisen konnte ich mir die Zeit damit vertreiben aus dem Fenster zu schauen und dabei beobachten wie sich die Landschaft verändert. Doch so faszinierend ich die Wüste auch finde und so großartig das Land war – so müde wird man nach stundenlanger Fahrt wenn vor einem immer nur das Gleiche wartet: Endlose Weiten von Sand. Für Europäer ist es gewiss verwunderlich Schnee in der Wüste zu sehen. Glaubt man doch bei Wüsten immer an sonnenverbrannte, hochtemperierte Gegenden. In Zentralasien ist das anders. Die Wüsten können im Winter eisig kalt und (seltener) mit Schnee bedeckt sein. In unserem Fall sollte die Reise auch keineswegs nur durch die Wüste gehen, sondern vielmehr ein Ziel erreichen das ob der Kälte und des Eises noch weitaus kafkaesker wurde als es ohnehin schon war: Das Tor zur Hölle oder der Krater von Derweze. Gelegen ist dieses „Monument“ mehr oder weniger genau zwischen den beiden Provinzen Daşoguz und Ahal. (Also irgendwo im Zentrum des Landes) Schon Türkmenistan ist weit weg von allem was uns Europäern irgendwie ein Begriff ist. Derweze ist noch viel weiter weg.

Iranische Gäste

Iranische Gäste

Durch die Gegend führt eine Fernstraße die bei Laswagenfahrern populär ist. Insbesondere Iraner findet man hier oft in den vielen Teehäusern sitzen und Schaschlik essen oder Tee trinken. Die türkmenische Küche weist etwas mehr persische Einflüsse auf als bspw. die usbekische Küche. Dennoch unterscheiden sie sich um Welten. Wohl auch durch das olfaktorische Erbe der Sowjetunion. Ein solches Teehaus sollte auch unsere Bleibe für die Nacht sein. Es gab dort nur einen großen Raum und keine Betten, sondern nur Matten auf denen man normalerweise sitzt. Bis 10 mussten wir zurück sein meinten die Betreiber.

Die Fahrt zum Krater

Die Fahrt zum Krater

Ishan der Fahrer, sein Freund – und meine Wenigkeit stiegen in den Geländewagen und fuhren ab. Kurz nach unserer Herberge bog er nach links auf einen manchmal befahrenen Pfad ab. Von den Spuren konnte man ablesen, dass heute schon ein Wagen hergekommen sein musste.

Ishan muss sich konzentrieren

Ishan muss sich konzentrieren

Obwohl für die meisten Nichttürkmenen genau dieses „Tor zur Hölle“ die einzige Sehenswürdigkeit des Landes ist die sie nennen können gibt es keine Hinweistafel an der „Abfahrt“ und man ist auf die Ortskenntnisse der Fahrer angewiesen. Der Weg wird allerdings nicht besser. Im Gegenteil. Wenn man keinen richtig guten Geländewagen hat sollte man es lieber lassen und zu Fuß kommen. Insbesondere bei unserem Wetter wäre es mehrmals fast passiert dass wir hängen geblieben oder (noch viel schlimmer) abgerutscht wären. Glücklicherweise hatte ich mit Ishan jemanden gefunden der wusste was er tat und sein Vehikel kannte. Hin und wieder fanden sich an kleineren „Abfahrten“ umzäunte Stationen, vermutlich für Erdgasmessungen/regulierungen. Irgendwann lag vor uns dieses „Ding“. Es fällt einem rational denkenden Menschen schwer es zu beschreiben. Vulkan ist es keiner. „Feuer“ auch nicht, ein Feuer brennt für gewöhnlich immer auf irgendeinem Material. Hier aber war… Einfach eine Grube mit Flammen. So etwas ging nicht in meinen Kopf – fast fühlte es sich an als wäre hier, mit einem Durchmesser von etwas mehr als 100m ein Stück anderer Dimension in unserer Welt.

Und da ist es... Dieses "Ding". Der "Derweze-Krater", das "Tor zur Hölle"

Und da ist es… Dieses „Ding“. Der „Derweze-Krater“, das „Tor zur Hölle“

Zunächst nährte ich mich vorsichtig. Sicherheitsregel №1 in Zentralasien ist, dass bzgl. Umzäunungen jeder für sich selbst verantwortlich ist. Der Staat hat einfach keine Lust darauf Dinge zu sichern für die meist der gesunde Hausverstand ausreicht. Wäre dieser Krater in Europa, so würde in 5m Entfernung von den Rändern eine Sperre stehen dem man sich 1m annähern dürfe. Hier gab es nichts. Naja, den Abhang als solches. Der ein bissi bröckelt. Man konnte wenn der Wind richtig wehte einen enormen Schwall Hitze fühlen. Beim ersten Anblick auf dieses Feuerloch auf einem Foto denkt man an einen Vulkan, aber es handelt sich nur um austretendes Erdgas das sofort Feuer fängt. Genau das macht auch den Reiz dieses gar merkwürdigen Ortes aus. Die Flammen züngeln einfach. Ohne irgendein Zutun. Deshalb gibt es am Boden auch Stellen an denen nichts austritt. „Ishan, wenn ich herunterfalle hast du etwas dabei?“

Nicht herunterfallen...

Nicht herunterfallen…

„Du fällst nicht hinunter“ „Und wenn doch?“ „Dann wird es schwierig. Fall nicht hinunter“ Damit wusste ich dass ich auch für diverse Fotos besser aufpassen sollte. Keine unüberlegten Handlungen. Es hätte durchaus seinen Reiz gehabt einmal herunterzusteigen um zu sehen wie „warm“ es tatsächlich war. Vermutlich würde es nicht zu schmerzhaft sein – insbesondere im Zentrum der Senke konnte ich einige Stellen finden die „ungefährlich“ aussahen. Was hätte ich für einen Thermometer gegeben um das zu überprüfen… Die Reiseagenturen werben damit, dass man den Krater in der Dämmerung/Nacht sehen sollte damit er seinen ganzen „Zauber“ entfaltet.

Es dämmert langsam. Das Tor zur Hölle im Schnee

Es dämmert langsam. Das Tor zur Hölle im Schnee

Und in der Tat erinnerte alles mehr und mehr an ein seltsam anmutendes Lagerfeuer je dunkler es wurde.

Infrarotaufnahme vom Derweze Krater

Infrarotaufnahme vom Derweze Krater

Laut der Geschichte die ich gehört habe hatten in den 70er-Jahren sowjetische Wissenschaftler die Gegend nach „richtigen“ Bodenschätzen abgesucht. Edelmetalle, Rohstoffe… Zeug eben das man verarbeiten konnte. Stattdessen ist man „nur“ auf viel Erdgas gestoßen. Erdgas galt, obwohl man durchaus etwas damit anfangen konnte eher als „Abfallprodukt“. Als es aus diesem Loch so massenweise ausgetreten ist hatte einer der Forscher die brillante Idee es doch einfach abzufackeln damit man weiterhin nach ordentlichen Dingen buddeln konnte. Nur hatte man wohl den Rohstoffreichtum Türkmenistans unterschätzt. Das ganze Methan

Noch eine Infrarotaufnahme, anderer Filter

Noch eine Infrarotaufnahme, anderer Filter

wollte einfach nicht zu brennen aufhören. Über 40 Jahre nicht. Doch dem Präsidenten Gurbanguly Berdimuhamedow will das nicht gefallen. Mit jeder Sekunde die hier buchstäblich in die Luft geheizt wird könnte man sich vermutlich ein kleines Dorf warm halten. Sprichwörtlich. Deshalb auch die Stationen, die hier in der Nähe gestanden haben. Dort wird versucht das strömende Brennmaterial vom Fluss abzuhalten – und in der Tat scheint man in gewissen Grenzen erfolgreich zu sein. Grenzen die man manchmal an den Rändern sehen kann.

Wenn man genau hinsieht kann man an den oberen Rändern des Kraters frühere Brandspuren sehen

Bei diesem Bild kann man noch ganz andere Dinge an den Rändern sehen (Tipp: Im rechten Bildbereich)

Darfs etwas mehr sein?

Darfs etwas mehr sein?

Eigentlich hätte ich mir ja mehr Feuer erwartet. Zugegeben, wie oft in seinem Leben sieht man einen gigantischen Krater voller Feuer? Nie? Einmal? _DSC8113Aber man darf sich trotzdem fragen wie es wohl wäre wenn da drinnen eine noch stärkere Feuersbrunst wüten würde? Dafür war ich wohl ein paar Jährchen zu spät. Hatte aber im Vergleich mit Nachfolgenden Generationen vermutlich noch Glück. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit bis diesem von Menschen geschaffenen Wunder der Natur der Garaus gemacht wird. Ein paar hundert Meter hinter (oder vor?) dem „Locherl“ erhebt sich ein Hügel auf dem ein guter Beobachtungspunkt liegt: _HDR8087_DSC8099         Als ich mich auf den Weg dahin gemacht hatte setzte gerade die Nacht ein und vor meinen Augen begann ein einmaliges Schauspiel von Licht, Schatten, Schnee und Eis. Ich glaube nicht dass viele die Gelegenheit hatten diesen Ort zu einer Zeit zu sehen während der er unter einer Schneedecke lag.

Ein atemberaubendes Schauspiel für Fotografen...

Ein atemberaubendes Schauspiel für Fotografen…

IR

IR

Auf diesem Hügel angekommen hatte ich auch ein paar

Etwas länger belichtet

Etwas länger belichtet

Experimente mit Infrarotfiltern und Belichtung gemacht, doch paradoxerweise ist diese Stelle ob seiner pittoresken Natur schwerlich noch besser abzulichten. Am Ende ist dann zumindest noch ein lustiges Selfie herausgekommen:

Selfie :-P

Selfie 😛 – es schneit sogar noch

_DSC8200Interessanterweise gab es am Krater – das hatte ich zuvor noch gar nicht bemerkt einen Steg um weiter hineinzukommen. Ob des Faktums dass dieser jedoch nur sosolala gesichert war hielt sich meine Begeisterung darauf herumzusteigen in Grenzen. Notdürftig waren ein paar Holzpflöcke in den Sand geschlagen worden auf dem vermutlich Familien posieren sollten.

Warm ists schon...

Warm ists schon…

Nun ja, so verführerisch ein derartiges Foto auch wäre – ganz nach vorne wollte ich mich einfach nicht trauen. Wenn Ishan näher gewesen wäre und ein Seil dabei gehabt hätte… Womöglich. Aber ein unkalkulierbares Risiko „nur“ wegen eines (wenngleich grandiosem) Fotos? Muss nicht sein. Dennoch habe ich mich etwas hinausgewagt.

Selfieeee :D

Selfieeee 😀

Inzwischen wurde Ishan etwas nervös, wir sollten zurückfahren und es machte ihn alles andere als glücklich wie ich an der brüchigen Kante herumgetanzt bin. Fast zwei Stunden hatte ich damit verbracht alle möglichen Fotos zu machen. Natürlich! Die Reise nach Türkmenistan war schweineteuer, da muss man alles herausholen was man kann! Aber wir sollten noch zu Abendessen, so musste ich nachgeben. Ein letztes Mal hatte ich die Kamera noch angesetzt und dabei ein eher mittelmäßiges Bild gemacht (Nicht hier ersichtlich). Dabei hatte ich die Einstellungen nicht auf normal gesetzt und bin zum Auto zurück. Dort sollte ich dann etwas sehen und mir ist ein etwas ungewöhnlicher Schnappschuss gelungen den ich der Welt nicht vorenthalten möchte (Erhellt durch das „natürliche“ Licht der Gasfackel hinter uns):

Wie... obszön. Hihi

Wie… obszön. Hihi

Am nächsten Tag sollte das Auto dann gut sauber gewischt werden...

Am nächsten Tag sollte das Auto dann gut sauber gewischt werden…

Die Fahrt ins Teehaus stand noch aus. Wie schon die Anfahrt war auch die Reise zurück ausgesprochen anstrengend und ob der eingesetzten Dunkelheit noch unbequemer. Trotzdem verlief alles gut und wir machten es uns am Boden vor den Tischen bequem. Erwartet hatte ich gewöhnliche Gerichte wie Lagmon (Nudeln) oder einfach zubereitetem Fleisch – jedoch bot sich hier eine Spezialität der Gegend: Kaninchen.

Kaninchen in Türkmenistan. Gegessen wird mit den Händen

Kaninchen in Türkmenistan. Gegessen wird mit den Händen

Der Besitzer des Teehauses war Jäger und hatte vermutlich nicht lange zuvor etwas geschossen. Der Geschmack war exzellent. Mir kommt es nicht so vor das Wildbret zu den typischen Gerichten der Region gehört. In Surxondaryo das in Usbekistan an der Grenze zu Türkmenistan und Afghanistan liegt hatten sich meine Gastgeber einmal aufgeregt dass man den Jägern zuerst teuer Waffenscheine verkauft hat. Um die Gewehre danach zu kriminalisieren, sie ihnen für Spottpreise abzukaufen und Jahre später wieder Jagdlizenzen auszugeben.

Die Bleibe von außen

Die Bleibe von außen

In Türkmenistan hingegen hatte ich mehrere Jäger kennengelernt die mir (nicht nur in kulinarischer Hinsicht) viel vom Land gezeigt hatten. Kurz vor 11 wurde ich ausgesprochen müde und froh bald schlafen gehen zu können. Nach der anstrengenden und langen Reise wohl kein allzu großes Wunder. Auch wenn ich diese Nacht nur eine dünne Matratze haben würde so sollte ich gewiss gut schlafen. Das Karnickel war groß – und sehr schmackhaft – gewesen und auch ob des vielen Herumgesteiges am Krater wollte ich nur ins „Bett“.

Sah leer aus, füllte sich aber bald.

Sah leer aus, füllte sich aber bald.

Doch nein… Es kamen wohl noch irgendwelche Türkmenen oder Iraner vorbei die beschlossen sehr laut zu essen und natürlich den Fernseher (Flachbildschirme gibt es übrigens auch in den entlegensten Teilen Zentralasiens) voll aufzudrehen. Meinen beiden Gefährten machte das weniger aus als mir. Generell ist mein Schlaf leicht – womöglich bin ich der ideale Nachtwächter? – doch das Einschlafen blieb

Foto kurz nachdem die letzten Gäste das Haus verlassen hatten

Foto kurz nachdem die letzten Gäste das Haus verlassen hatten

eine Qual bis unmöglich und gelang mir erst nachdem diese Subjekte von Dannen gezogen waren. In den Morgenstunden kühlte der Raum deutlich ab und ich musste meine Chopan, einen langen, schweren, aber sehr warmen Mantel zum Zudecken verwenden. Ob der Spätesser (oder Trinker?) fiel die Nacht nur kurz aus. Um 6 mussten wir auf da die Reise bis Aschgabad wirklich lang ist.

Es ist kalt

Es ist kalt

So oder ähnlich schaut es auch auf dem Mond aus

So oder ähnlich schaut es auch auf dem Mond aus

Der Morgen war ekelhaft. Zum Zähneputzen musste ich hinaus und der brennende Frost der Wüste drang sofort durch meine Kleidungsstücke. Dieses Gefühl hat man im Zentralasiatischen Winter oft. Vermutlich ist es egal, was man trägt, die Klauen des Winters scheiden einem immer ins Fleisch. Im Gegensatz zu Europa ist die Kälte trocken und für unsere Verhältnisse ungewohnt. Dazu kommt der starke Wind.

Autos in Türkmenistan müssen sauber sein

Autos in Türkmenistan müssen sauber sein

Das Frühstück bestand aus Omletten, Tee und Brot. Während ich meine Sachen packte sah sich Ishan sein Auto an. Bevor die Reise weiterging wollte er es zumindest halbwegs sauber bekommen. Das hat mehr als nur einen kosmetischen Aspekt: In Städten kann die Polizei Fahrer mit verdreckten Autos empfindlich abstrafen. Wenn ich mich richtig erinnere gab es zu Sowjetzeiten ein ähnliches Gesetz.

In der Nähe gibt es einen alten (ehem.) Russischen Militärflughafen

In der Nähe gibt es einen alten (ehem.) Russischen Militärflughafen

Ein letztes Mal warf ich einen Blick auf den Horizont – demselben dessen Höhen in der Nacht ein brennender Kranz geziert hatte. Doch sobald es heller wurde verblassten die Schimmer aus den Tiefen der Welt und was blieb war das fahle Grau der Wolken. Dies sollte uns noch über 500km bis in die Hauptstadt begleiten…

Ein letztes Bild vom Vorabend

Ein letztes Bild vom Vorabend. Man sieht hier auch recht gut von welcher Seite der Wind den Derweze-Krater erreicht